U-Bahn-Erfahrungen

Sri Chinmoy war in einer beschaulichen und naturbelassenen Umgebung aufgewachsen. Es gab kaum richtige Straßen, sondern hauptsächlich kleinere Wege und Trampelpfade. Moderne Verkehrsmittel waren eher unbekannt. Nun lebte er in einer der größten Metropolen der Welt, in New York City. Der Gegensatz zu seinem früheren Leben hätte kaum größer sein können! Hier herrschte fast rund um die Uhr ein reger Straßenverkehr, weshalb die New Yorker U-Bahn eine ausgezeichnete Möglichkeit darstellte, den meist vollkommen verstopften Straßen zu entkommen. Insbesondere denen von Manhattan, wo gleichzeitig auch das Indische Konsulat, Sri Chinmoy Arbeitsstätte, beheimatet war. Zudem war sie verhältnismäßig preisgünstig. Aber sie barg auch einige Risiken, wie zum Beispiel verlassene und dunkle Plätze, die vor allem in den späteren Abendstunden nicht gerade einen einladenden und sicheren Eindruck machten. Und sogar von manchen Lokführern selbst konnte hie und da eine gewisse Gefahr ausgehen, wie folgende Geschichte veranschaulicht.

Die rasende Fahrt durch die Dunkelheit

Es handelte sich um einen regelmäßig verkehrenden Triebwagen, der um etwa 12:30 Uhr am Mittag sich seinen Weg durch die dunklen Schächte und Röhren in Richtung Manhattan-Nord bahnte. Es war ein so genannter Lokalzug, der normalerweise an jeder Station hielt. Jedoch, und dies war bereits sehr merkwürdig, fuhr er heute an der 42. Straße, am Times Square, einfach durch. Und damit nicht genug! Die U-Bahn vergrößerte sogar noch nach und nach ihre Geschwindigkeit und fuhr wie ein losgelassenes Ungeheuer durch die ewige Dunkelheit der New-Yorker U-Bahnschächte.

Sri Chinmoy hatte eigentlich beabsichtigt, den Zug in der 79. Straße zu verlassen. Dieser hatte jedoch seine eigenen Pläne. Bei rasendem Tempo fuhr er mit ungewissem Ziel weiter und weiter. Die Menschen im Abteil gerieten langsam aber sicher in Panik. Mit Ausnahme jedoch der Jungen und Mädchen, die sich im siebten Himmel befanden, ob diesem für sie aufregenden Abenteuer. Die Älteren jedoch waren sich bewusst, dass etwas nicht stimmen konnte. Auch entfernten sie sich wie Sri Chinmoy immer weiter von ihren eigentlichen Ausstiegsbahnhöfen und waren sich darüber im Unklaren, ob sie überhaupt wieder Züge zurück bekommen würden. Dies war natürlich alles andere als erfreulich. Was jedoch noch viel schwerer wiegte, war die Sorge um die momentane gefährliche Situation, in der sie sich befanden. Denn es war unzweifelhaft klar, dass bei dieser rasenden Geschwindigkeit ein Unfall kurz bevor stehen musste. Könnte der Zug vielleicht sogar bald mit dem vor ihm fahrenden zusammen stoßen? Dies und ähnliche Fragen schossen ihnen durch den Kopf und alles sah nach einem sehr unglücklichen Ende aus.

Sri Chinmoy saß inmitten dieses turbulenten Geschehens, als er plötzlich eine Stimme rufen hörte: "O Herr, o Herr, dies ist unser Ende!" Er schaute erstaunt auf. Waren die Worte nicht in seiner Muttersprache Bengali ausgesprochen worden? Und handelte es sich dabei nicht auch um einen ihm sehr vertrauten Dialekt? Sri Chinmoys Augen wanderten rasch durch das nun etwas chaotische Zugabteil. Dabei entdeckte er eine Frau, die verängstigt in seiner Nähe saß und von der die flehenden Worte gekommen sein mussten. Er ging auf sie zu und erwiderte spaßeshalber, trotz oder gerade wegen der sehr ernsten Situation, im gleichen Dialekt: "Gott wird sich nicht mit deinem Leben allein zufrieden geben, sondern möchte auch unsere haben." Als die Frau diese Worte vernahm, schossen ihr unvermittelt Freudentränen in die Augen. Spontan umarmte sie Sri Chinmoy mit mütterlicher Liebe und Fürsorge. Dieser versuchte, sie im Gegenzug ebenfalls zu trösten und ihr Mut zu machen. Ihre Tränen versiegten jedoch nicht. Genauso wenig wie die panischen Schreie vieler Frauen im Abteil.

Doch die Erlösung nahte! In der Haltestation der 130. Straße brachte der Fahrer die U-Bahn plötzlich zum Stehen. Sofort wurde er von zwei Polizeibeamten überwältigt und abgeführt. Seltsamerweise schien der Lokführer jedoch nicht betrunken zu sein. Es war fast so, als hätte sich eine unsichtbare Kraft seiner bemächtigt gehabt und ihn zu ihrem willenlosen Spielball gemacht. Und ihm somit, auf seiner unheilvollen Fahrt durch die ewige Nacht der New Yorker U-Bahnschächte, das Gefühl völliger Losgelöstheit von allen Fesseln zu geben. Dadurch machte diese Kraft alle Insassen der U-Bahn zur Geißel dieses einen Menschen. "Doch Gottes Gnade", so Sri Chinmoy, "beabsichtigte etwas anderes und neutralisierte diese Verabredung mit dem Tod."

Hingabe wird nicht angenommen

Die Fahrt ging durch die ewige Nacht der New Yorker U-Bahnschächte, etwa in Höhe der 70. Straße Manhattans entlang. Im Abteil saßen ein paar junge Mädchen, die Groschenromane lasen, Freunde redeten angeregt miteinander und manche waren einfach in sich selbst vertieft. Der Zug fuhr mit Höchstgeschwindigkeit dahin. Plötzlich und unvermittelt näherte sich ein jüngerer Mann, wohl ein Arbeiter, der in den U-Bahnschächten sein Tagewerk vollbrachte, den Gleisen der Linie. Und, in einer flüchtigen Sekunde, sprang er auf das Gleis, des mit größter Geschwindigkeit herannahenden Zuges! Alles ging sehr schnell. Der Zug befand sich in höchstem Tempo. Dennoch betätigte der Triebwagenführer, wie in einer Abwehrreaktion, unverzüglich die Notbremse. Er leitete eine Vollbremsung ein. Das Ergebnis war wie ein Schock, fast schlimmer als der Tod selbst: Körper wurden durcheinander gewirbelt und an die Hintertüren der Abteile gedrängt. Menschen fielen aufeinander und etliche wurden sogar ernsthaft verletzt oder ohnmächtig.

Sri Chinmoy sah sich selbst, beinahe wie ein Beobachter, auf etwa 30 Mitreisende fallen, die bereits am Boden lagen. Alle anderen wurden durch die stark wirkenden Fliehkräfte nach hinten gedrückt. Es war fast so, als würde eine unsichtbare Kraft allen Betroffenen ihren Atem spenden, während so viele Körper zu einem verschmolzen. Der Name der großen indischen Göttin Kali kam spontan aus Sri Chinmoys Mund und drang von dort in sein Herz ein.

Die Bahn war mit einem Ruck vollständig zum Stillstand gekommen. Gerade unmittelbar vor dem jungen, lebensmüden Mann, der somit unverletzt geblieben war. Genauso wie Sri Chinmoy, dem jedoch sein linker Daumen etwas blutete. Aber viele Menschen mussten in die umliegenden Krankenhäuser gebracht werden. Einige junge Männer schlugen, unmittelbar nach dem Verlassen der U-Bahn, Purzelbäume oder umarmten sich spontan gegenseitig, um ihren aufgewühlten Emotionen Ausdruck zu verleihen. Viele schmerzhafte Verletzungen", so Sri Chinmoy, "zahlten den Preis für ein gerettetes Leben." Und er ergänzte: "Meine Mutter Kali lehnte diese ungebetene Hingabe ab."

Mein schottischer Vater

Es war der 8. August 1965, mitten im New Yorker Hochsommer. Die Fahrt zum Konsulat hatte Sri Chinmoy über drei Stunden gekostet, da eine Hauptwasserleitung im weit verzweigten New Yorker U-Bahnnetz geplatzt war. Kurzfristig mussten Ersatzbusse herangeschafft werden, was natürlich viel Zeit in Anspruch nahm, da die Linien, gerade am Morgen, immer äußerst stark frequentiert waren. Und auch für die Rückfahrt am Abend vermutete Sri Chinmoy nichts Gutes. Und er sollte Recht behalten. Der Feierabendverkehr war fast wie eine Wiederholung der unangenehmen Ereignisse des Morgens.

Sri Chinmoy ging in den Schächten der U-Bahnlinie, etwa auf Höhe der 59. Straße, entlang, die vor Menschenmassen gerade so überquollen, als seine Aufmerksamkeit von einem alten Mann geweckt wurde, der etwas hilflos mit diesem Treiben fortgerissen wurde. Der alte Mann versuchte recht erfolglos, sich seinen Weg durch das Getümmel zu bahnen und hatte wohl auch die Orientierung verloren. Zumindest schaute er mitleidserregend drein. Sri Chinmoy ging auf ihn zu. Auch er war sich nicht mehr hundertprozentig sicher, welchen Weg er nun wirklich einschlagen musste. Aber er war sicherlich noch deutlich besser dran, als der alte Mann. Schon aufgrund seiner guten körperlichen und sportlichen Verfassung.
Nachdem Sri Chinmoy den Mann nach seinem Zielort befragt hatte, bahnte er ihm einen Weg zu jenem Zug, der wahrscheinlich der richtige sein musste. Sri Chinmoy schaffte es sogar, ihm im brechend vollen Abteil zu einem Sitzplatz zu verhelfen. Als dieser sich hingesetzt hatte, wurde er sogleich von einem Sitznachbarn gefragt, wer denn der ihn begleitende, höfliche junge Mann sei. Seine spontane Antwort war: "Mein Sohn, mein indischer Sohn."
Sri Chinmoy war überrascht, ob seiner zuneigenden Worte und gleichzeitig darüber erfreut, dass dem alten Mann seine Nationalität aufgefallen war. Aber auch dessen Dankbarkeit schien nicht lange auf sich warten zu lassen. Denn Zentimeter um Zentimeter versuchte er nun, einen Sitz für seinen freundlichen jungen Helfer loszueisen. Das junge Mädchen, welches neben ihn saß, schaute etwas irritiert. Doch der alte Mann rückte Stück für Stück in ihre Richtung, bis schließlich, nach etwa 20 Minuten, er ausreichend Platz geschaffen hatte, und den stehenden Sri Chinmoy mit großem Stolz bat, sich neben ihn zu setzen. Dieser sagte, von der liebevollen Fürsorge des alten Mannes tief berührt mit einem Herz voller Dankbarkeit: "Ein wahrer Vater, mein schottischer Vater!"

Die U-Bahnfahrt als Meditation

Das U-Bahnfahren war für Sri Chinmoy oft sehr anstrengend, da die Züge überfüllt, der Zeitaufwand groß und das Umsteigen nicht immer einfach war. So musste er zum Beispiel von seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Brooklyn dreimal die Bahnlinie wechseln, um zu seinem Arbeitsplatz am Konsulat in Manhattan zu kommen. Der erste Zug führte ihn dabei nur fünf Häuserblocks weit. Der zweite fuhr zwar nach Manhattan, jedoch nicht zur Fifth Avenue, so dass Sri Chinmoy nochmals in einen dritten Zug umsteigen musste.
Jedoch war er trotzdem glücklich, hatte er dadurch doch viel Zeit für die Meditation gewonnen. Um für diese Meditation ungestört zu bleiben, setzte sich Sri Chinmoy immer direkt hinter den Fahrer der U-Bahn. Nach seinem letzten Ausstieg musste er dann noch fünf Minuten durch den Central Park laufen, um das Konsulat zu erreichen.

Nur einmal, im Januar 1966, konnte Sri Chinmoy die U-Bahn nicht benutzen, da sie für zwei Wochen bestreikt wurde. Doch wie sollte er nun den langen Weg von seiner Wohnung in Brooklyn aus zurücklegen? Sri Chinmoy entschied sich, diese weite Strecke zu laufen. Dies bedeutete einen sehr langen Marsch. Und dies zweimal am Tag, das heißt morgens hin und abends wieder zurück. Zudem war es ein besonders harter Winter mit eisiger Kälte und viel Schnee. Und Sri Chinmoys Arbeitstag war mit mindestens zehn Stunden eh schon mehr als gut ausgefüllt. Doch trotzdem legte er die lange Strecke unbeschwert zweimal am Tag zurück. Seine U-Bahnerfahrungen blieben ihm noch Jahre später lebhaft in Erinnerung.