Sri Chinmoys Ankunft in Amerika

Der 13. April ist für die Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika schon immer ein besonderer Tag gewesen. Denn an genau diesem Datum, vor über 200 Jahren, genauer am 13. April 1743, wurde in Virginia einer ihrer bedeutendsten Vorväter geboren. Ein Mann, der in seinem reichhaltigen und erfüllten Leben die Geschichte dieses vergleichsweise jungen Landes entscheidend prägen sollte: Der legendäre Politiker und vielseitig interessierte 3. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Thomas Jefferson.

Genau an diesem Tag, dem 13. April 1964, erblickte auch der junge Bengale Chinmoy zum ersten Mal das Licht der Neuen Welt. Einer Welt, die weit entfernt seiner ihm so vertrauten Heimat lag. Allmählich näherte sich das Flugzeug dem Boden und damit New York. Fast alles hatte der junge Chinmoy im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry zurück lassen müssen: Seine geliebten Geschwister, gute Freunde und Weggefährten, sowie die ihm so überaus vertraut gewordene und friedvolle Umgebung des Ashrams, der in 20 Jahren zu einer zweiten Heimat geworden war. Doch nun verschwand alles in weiter Entfernung wie in einem verblassenden Traum. Wohingegen die Umrisse der Metropole New York City immer sichtbarer wurden. Der Weltstadt New York City mit ihrer legendären Freiheitsstatue, dem Empire State Building, welches wie Chinmoy 1931 das Licht der Welt erblickt hatte, der gigantischen Silhouette Manhattans und, nicht zuletzt, dem Sitz der Vereinten Nationen.
Was mag dem jungen Chinmoy wohl in diesem Moment durch den Kopf gegangen sein? Und wieviel Mut musste es ihn gekostet haben, diesen gewaltigen Lebensschritt zu gehen? Doch er war unbeirrt einem höheren Befehl und seiner inneren Stimme gefolgt, die ihn unmissverständlich dazu aufgefordert hatten, seinem Leben diese neue Richtung zu geben.

Und vielleicht war auch eine kleinere Gruppe von Menschen just an diesem Tag, dem 13. April 1964, im Tausende von Kilometern westlich gelegenen Santa Monica, einer Stadt an der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika, einer Art von tieferem Gewissen gefolgt. Und es hatte sicherlich auch ihnen einigen Mut abverlangt, diese ungewöhnliche Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die vielen Menschen Hoffnung machte auf eine bessere Zukunft im Zusammenleben der Rassen und Kulturen. Denn zum ersten Mal in seiner traditionsreichen Geschichte verlieh das Oskar-Komitee einem schwarzen Amerikaner den bedeutendsten Preis der Filmwelt: Sidney Poitier.
Dieser erhielt die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller des Stückes "Lilien auf dem Felde", das sich von einem berühmten Bibelzitat ableitete: "Und warum sorgt ihr euch um Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht und Gott kleidet sie doch."

Und welches Zitat hätte treffender die Situation des jungen Chinmoys beschreiben können? Er hatte alles zurück gelassen. Nicht nur Familie, Freunde, sondern auch die Sicherheit des Ashrams, der ihm Arbeit sowie materielle Unterstützung bot. Aber er hatte den inneren Befehl erhalten und sich auf den Weg gemacht, mit der Gewissheit, dass die gleiche höhere Kraft ihm auch Kleidung und Brot geben würde.

Schwierige Anfangszeit

"Ich war sehr arm, aber mein Herz war erfüllt von Freude", sollte Sri Chinmoy einmal später über seine schwierige Anfangszeit in den Vereinigten Staaten von Amerika sagen. Doch glücklicherweise hatte er in Sam Spanier einen großzügigen Gönner gefunden. Beide kannten sich bereits aus Ashramtagen und es verband sie ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Sam Spanier wohnte mit einem guten Freund namens Eric Hughes in Greenwich, New York.
Darüber hinaus hatte der junge Chinmoy in Ann Harrison eine weitere Unterstützerin gefunden. Anns Schwester Jeany besaß ein Haus in Baltimore. Daher beabsichtigte Ann, Chinmoy dort unterzubringen und wollte ihm dabei helfen, sein spirituelles Leben in Ruhe fortzusetzen. Zudem wollte Ann dafür sorgen, dass er mit spirituell Suchenden in Berührung kommen könnte, die in ihm sicherlich schon sehr bald einen bedeutenden Meditationslehrer sehen würden. Und Chinmoy war über diese viel versprechenden Aussichten mehr als erfreut. Daher war er vollkommen dazu bereit, nach Baltimore überzusiedeln und traf sogar schon die entsprechenden Vorbereitungen. Als diese Planungen plötzlich und unerwartet ihr jähes Ende fanden.

"Nein, nein, du musst am Indischen Konsulat arbeiten", formulierte Kailash-Ben ihre Worte mit Bestimmung. Kailash-Ben hatte wie Chinmoy selbst im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry gelebt und war nun in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Und sie ergänzte: "Sonst kannst du nicht länger als drei Monate hier bleiben." Chinmoy muss an dieser Stelle wohl tief geseufzt haben, aber er wusste natürlich, dass sie Recht hatte. Fast hätte er es selbst vergessen. Oder vielleicht war er auch einfach nur von der verlockenden Aussicht, die ihm seine gute Bekannte Ann Harrison offeriert hatte, in den Bann gezogen worden. Die Wahrheit jedoch lautete, dass er zuerst einmal Arbeit brauchte, um überhaupt längerfristig in den Staaten bleiben zu können. Und für ihn als Inder gab es diesbezüglich eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Die Indische Mission oder das Indische Konsulat.
Probier es beim Indischen Konsulat, schlug Kailash-Ben daher mit einer ungewöhnlichen inneren Gewissheit vor. Doch Chinmoy selbst war sich diesbezüglich weitaus unschlüssiger. Daher erwiderte er: "Aber ich habe keinerlei schulischen Abschluss." Jedoch Kailash-Ben meinte dazu nur knapp: "Ich bin mir sicher, dass du die Stelle bekommst! Zumindest kannst du es ja einmal versuchen."
Und so nahm sie kurz entschlossen die ganze Angelegenheit selbst in die Hand, ging zum Indischen Konsulat, erledigte alle Formalitäten, so dass Chinmoy nur noch seine Bewerbung unterschreiben musste. Und tatsächlich, nur ein paar Tage später, wurde er zu einem Einstellungstest am Indischen Konsulat vorgeladen.

Der Einstellungstest

Nun war Chinmoy also tatsächlich am Indischen Konsulat angekommen. Zumindest was eine erste Prüfung betraf. Und diese erste Prüfung beinhaltete einen Test auf der Schreibmaschine. Alles stand somit bereits unter guten Vorzeichen, denn Chinmoy beherrschte die Schreibmaschine außerordentlich gut und hatte es im Ashram auf 65 bis 70 Worte in der Minute gebracht. Der einzige Haken bei der Sache war, dass er momentan ziemlich aus der Übung war, hatte er doch seit einigen Monaten an keiner Schreibmaschine mehr gesessen. Aus diesem Grund brachte es Chinmoy auf die für ihn äußerst geringe Anzahl von 33 Worten, was etwa der Hälfte seiner eigentlichen Möglichkeiten entsprach. Damit hatte er die Prüfung natürlich nicht bestanden. Jedoch hatte er Glück im Unglück. Denn im Konsulat wurde ihm versichert, dass er den Test in zehn oder zwölf Tagen noch einmal wiederholen könne.
Und diesen Zeitraum wollte der junge Chinmoy so gut als möglich nutzen - auf einer kleinen Schreibmaschine, die ihm sein Freund John Kelly extra für diesen Zweck gekauft hatte. Chinmoy war absolut davon überzeugt, sich dadurch ausreichend vorbereiten zu können, um den angestrebten Test sicher zu bestehen.