- In Indien
- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
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- Chinmoy und das Buch des Lebens
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Wie Madal zu seinem Namen Chinmoy kam
Berlin 1936: Die Olympischen Spiele waren in aller Munde. Gebannt lauschten die Menschen aller Herren Länder der Legende vom schwarzen Wunderathleten, der die braunen Machthaber mit ihrer diskriminierenden Rassenideologie düpierte. Wie? Indem er vor ihren Augen einen Weltrekord nach dem anderen aufstellte. Sein Name: Jesse Owens. Und auch im Sri Aurobindo Ashram, im fernen Pondicherry, waren diese Neuigkeiten wohl sicherlich zum wichtigen Tagesgespräch geworden. Schließlich wurde dem Sport und vor allem der Leichtathletik in diesem modernen östlichen Kloster eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Sozusagen als körperlicher Ausdruck der verborgenen Eigenschaften der Seele sowie als Mittel zur Gesunderhaltung und Vervollkommnung der physischen Existenz.
Doch an all dies dachte der fünfjährige Madal wohl kaum, als er zusammen mit seiner Familie zum zweiten Mal im Ashram weilte. Und wie hätte er damals auch ahnen können, dass er selbst einmal zum überragenden Leichtathlet dieser spirituellen Gemeinschaft werden würde, der vor allem im Sprint über Jahre hinweg ungeschlagen bleiben sollte? Ja, sogar sein künftiges Jugendidol Jesse Owens 36 Jahre später persönlich treffen würde? Dies alles lag am heutigen Tag im Schatten der Zukunft verborgen. Was hier und jetzt vorherrschte war der gewaltige Eindruck, den diese unbekannte Welt auf einen Fünfjährigen machte, der bisher kaum aus seinem Heimatdorf Shakpura heraus gekommen war.
Und trotzdem sollte dieser Besuch ein einschneidendes Erlebnis für Madal bereit halten. Sein Bruder Chitta erinnert sich: "Im Jahr 1936, als wir den Sri Aurobindo Ashram besuchten, fragte der Sekretär des Ashrams Nolini Kanta Gupta nach Madals richtigem Namen, da letzterer ja eigentlich nur ein Kosename war. Ich war ein wenig verwirrt. Welch passenden Namen könnten wir unserem jüngsten Bruder geben? Der Name unseres ältesten Bruders ist Hriday Ranjan. Mein Name ist Chitta Ranjan. Der Name meines jüngeren Bruders ist Manoranjan. Da kam ich auf den Namen Prana Ranjan als richtigen Namen für Madal, aber irgendwie stellte dies mein Herz nicht zufrieden.
Plötzlich hörte ich eine innere Botschaft. Eine göttliche Stimme hallte und widerhallte in meinem Herzen: "Chinmoy, Chinmoy!" Mein menschlicher Verstand hätte niemals geglaubt, dass dieser Name eines Tages von zahllosen Wahrheits-Suchern und Gott-Liebenden rund um die Welt angenommen, geliebt und verehrt werden würde."
Der Name Chinmoy stammt übrigens aus dem Sanskrit und bedeutet übersetzt: "Erfüllt von göttlichem Bewusstsein", oder auch: "Derjenige, der überall zur gleichen Zeit ist", da das höchste, göttliche Bewusstsein weder Raum noch Zeit kennt und alle höheren und niederen Welten durchflutet.
Der kleine Taschendieb
Madal war ein sehr lebendiges Kind - zur Freude aber auch zum Leidwesen seiner Mutter Yogamaya. Daher war es ihr sehr wichtig, dass er sich zumindest Nachmittags etwas ausruhte. Darüber hinaus befürchtete Yogamaya, ihr kleiner Sohn würde diese schwierige Tageszeit zum Spiel im Freien nutzen. Und die indische Hitze ist ja allgemein als ziemlich unerbittlich bekannt. Um Madal das Ganze ein wenig schmackhafter zu machen, las ihm Yogamaya aus dem berühmten indischen Epos des Mahabharata etwas vor. Nach fünf oder zehn Minuten stellte sich ihr trickreicher Sohn dann jeweils Schlafen. Denn Madal wusste aus Erfahrung, dass seiner Mutter selbst bald eine Mittagsmüdigkeit überkommen würde. Das war die Gelegenheit! Schnell verließ Madal das Bett und war bereits kurz darauf im schön grünenden und mit vielen Früchten gesegneten Garten der Familie Ghose verschwunden. Wenn die Mutter dann schließlich wieder erwachte, rief sie in schöner Regelmäßigkeit, und etwas verärgert, nach einem Hausangestellten, um ihren kleinen, lausbübischen Sohn wieder zurückzuholen. "Aber mein Lächeln war genug, um ihr Herz zu erobern", erinnert sich Sri Chinmoy. "Sobald sie es sah, hörte sie auf zu schimpfen; sie vergab meinem Täuschungsmanöver. Ich gebrauchte diesen Trick viele, viele Male."
Madal oder Chinmoy, wie er ja jetzt auch genannt wurde, hatte ein besonders enges Verhältnis zu seinen Eltern und Geschwistern. Trotzdem war Yogamaya schockiert, als sie ihren Jüngsten eines Tages dabei erwischte, wie er Geld aus dem Portmonee seines Vaters nahm. Geld, welches jener immer in seiner Anzugstasche aufbewahrte. Noch mehr schockierte sie jedoch die Haltung ihres Ehegatten zu diesem Vorfall: "Madal ist mein jüngster Sohn", sagte dieser in einem verständnisvollen Tonfall, "weshalb sollte er dann nicht auch etwas Geld von mir nehmen können?" Aber Yogamaya protestierte: "Vielleicht ist dies ja erst der Anfang und Madal wird eines schönen Tages auch Geld von anderen Personen nehmen." Doch Shashi Kumar musste über diese, nun doch wirklich etwas waghalsige Vermutung, nur milde lächeln. "Unsinn", meinte er, "Chinmoy nimmt doch nur ein paar Rupien heraus. Niemals würde er sich einen größeren Betrag oder sogar Geld von anderen nehmen." Und tatsächlich, Madal nahm immer nur sehr wenig, noch weniger als den Gegenwert von einigen Cents. Und einmal "ertappte" ihn sein Shashi Kumar sogar auf frischer Tat und fragte ihn, was er denn da gerade tue. Doch Chinmoy erwiderte nur in einem beruhigten Tonfall: "Ach, du bist es, mein Vater, dann ist es in Ordnung." Dies erzeugte ein lautes Lachen seitens Shashi Kumars. So innig war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn!
Geld spielte auch beim regelmäßig wiederkehrenden Jahrmarkt eine große Rolle. Zu diesem Zweck machte der kleine Chinmoy jedesmal die Runde, wobei er seine Eltern und Geschwister der Reihe nach um eine Spende bat. Und diese gaben diese Spende gerne. Denn sie wussten genau, weshalb ihr Jüngster das Geld so dringend benötigte. Nämlich um ihnen allen mit kleinen Geschenken eine Freude zu machen.
Ja, Freigiebigkeit war tatsächlich tief in Madals Natur verankert. Ein Grund mehr, weshalb ihn alle Mitglieder der Familie so außerordentlich stark in ihr Herz geschlossen hatten.
Die dunkle Prophezeiung
Können Prophezeiungen sich irren? Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an die düstere Horoskop-Vorhersage, die dem kleinen Madal im Alter von drei Jahren von einem Astrologen gemacht wurde. Sie sagte seinen sicheren Tod im Kindesalter durch Ertrinken voraus. Doch dies war alles längst vergessen, denn mittlerweile hatte sich Madals Geburtstag zum fünften Male gejährt. Und fünf Jahre sind im Leben eines kleinen Kindes nun wirklich eine Ewigkeit. Aber das Schicksal erinnerte sich, und so schwebte über Madals Kopf nach wie vor jenes große Damoklesschwert, welches jederzeit sein frühes Ende herbeiführen konnte.
Solcherart waren die Vorboten, als sich der fünfjährige Chinmoy, zusammen mit seinem Bruder Chitta, auf den Heimweg zurück nach Shakpura machte. Sie hatten der Großstadt Chittagong einen Besuch abgestattet und waren am mächtigen Strom des Karnaphuli angekommen, der einer der wildesten und breitesten Flüsse ganz Bengalens ist. Am Steg stand ein kleines Floß bereit, welches insgesamt etwa acht Passagieren Platz bot.
Es war ein unglaublich stürmischer Tag. Der Karnaphuli befand sich deshalb nach einem heftigen Regenschauer in stärkster Aufruhr. Die Situation verschlimmerte sich sogar noch bei der eineinhalbstündigen Überfahrt, die wahrlich nichts für schwache Nerven war. Das kleine Gefährt wurde wie die Schale einer Nuss hin- und her geworfen, wobei sich alle Mitreisenden sehr gut festhalten mussten, um nicht von den bedrohlichen Wassermassen über Bord gespült zu werden. Und plötzlich, niemand konnte sagen weshalb, drang Feuchtigkeit von unten in die kleine Fähre ein. Jeder suchte verzweifelt nach dem Grund, bis auf einmal ein Fahrgast mit Entsetzen ausrief: "Das Boot hat ein Leck!" Alle Insassen waren zu Tode geängstigt. Und kaum man sich versehen konnte, begann der winzige Kahn zu sinken. Zu sinken im Niemandsland! Denn das Boot segelte inmitten des riesigen Stromes, mindestens fünf Kilometer vom einen oder anderen Ufer entfernt.
Eine wilde Panik griff um sich. Alle Passagiere, inklusive des Fährmanns, schickten Stoßgebete gen Himmel und vergaßen dabei nicht, alle großen spirituellen Meister sowie die Kosmischen Götter und Göttinnen um ihre unverzügliche Hilfe zu bitten. Rama, Krishna, Kali, Durga, alle wurden sie angerufen. Tränen rollten die Wangen des älteren Bruders Chittas herab, weil er wusste, dass sein jüngerer Bruder Madal nicht wirklich schwimmen konnte. Der Fährmann schrie herzzerreißend um Hilfe, die Nachbarboote schenkten ihm jedoch keine Beachtung. Denn auch sie mussten dem Sturm trotzen und befanden sich möglicherweise in einer ähnlich schwierigen Situation. Langsam aber unaufhörlich sank das Boot. Es sank und sank und mit ihm die in Panik geratenen Passagiere. Der schicksalhafte Moment rückte näher, immer näher.
Auf einmal, zum größten Erstaunen des Fährmannes und aller Mitreisenden, tauchte ein Boot aus den Tiefen des Wassers auf. Es war leer und wurde genau vor das sinkende Schiff gespült, höchstens drei Meter davon entfernt. In Windeseile packte der Fährmann den kleinen Madal und hob ihn in das leere Boot. Alle anderen Passagiere folgten so schnell wie irgend nur möglich. Spontan wurde Chinmoy wurde von allen Mitreisenden umarmt. Denn ein jeder von ihnen hegte das sichere Gefühl, dass dieser kleine Junge der wahre Grund für ihr Überleben war. Sie hatten sein gnadenreiches Schicksal teilen dürfen und waren dadurch selbst gerettet worden.
Dazu Sri Chinmoy: "Jenen Tag hatte das Schicksal für meinen Tod vorherbestimmt, jedoch Gott entschied sich anders. Als Hilfe wirklich dringend benötigt wurde, war kein Mensch in der Lage zu helfen. Sie kam direkt von Gott. Und derartige Unterstützung in größter Not kann auch immer nur alleinig vom Göttlichen kommen."
