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- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
- Rad oder nicht Rad
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- Im Auge des Löwen
- Schwere Zeit für Chinmoy
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- Im Sri Aurobindo Ashram
- Chinmoy und das Buch des Lebens
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Traumvisionen
Chinmoy war erst 12 Jahre alt und hatte doch bereits beide Elternteile verloren. Nun galt er als Vollwaise. Wie sollte es jetzt weitergehen? Aber manchmal gibt es so etwas wie eine Vorbestimmung, eine notwendige Fügung des Schicksals. Vielleicht wird dies an folgendem Beispiel deutlich:
Der große spirituelle Meister Sri Aurobindo hatte zwei oder drei Sekretäre. Einer dieser Sekretäre war ein ehemaliger Arzt mit Namen Nirod Baran. Er war ein großartiger Dichter, Schreiber und wahrer Kenner der Philosophie Sri Aurobindos und Mira Alfassas, der "Mutter" des Sri Aurobindo-Ashrams. Nirod Baran wusste vom ältesten Sohn Yogamayas, Hriday, der schon viele Jahre im Ashram lebte, dass es dessen Mutter sehr schlecht ging. Aus diesem Grund fragte Nirod Baran Sri Aurobindo: "Hridays Mutter leidet bereits seit sehr langer Zeit schwer. Könnt Ihr sie nicht heilen?" Sri Aurobindo erwiderte jedoch, wohl zu Nirod Barans Erstaunen: "Was könnte ich tun? Ihre Zeit ist um. Es ist Gottes Wille, dass ihre Kinder hierher kommen."
Am selben Tag hatte Chinmoys Schwester, die auch bereits seit einiger Zeit im Ashram lebte, in ihrem Mittagsschlaf einen Traum. In diesem Traum sah sie, wie ihre Mutter dahingeschieden war. Es war just zu jenem Zeitpunkt, als Sri Aurobindo sagte, dass Yogamayas Zeit gekommen sei. Und tatsächlich, genau zu dieser Stunde verließ Yogamaya ihren physischen Körper.
Träume sind manchmal Vorboten oder auch das genaue Abbild der Wirklichkeit. So hatte ein naher Verwandter der Familie Ghose einen bedeutenden Traum, kurz nachdem Yogamaya gestorben war. In diesem Traum sah er Chinmoys Vater Shashi Kumar, wie er in einer goldenen Kutsche seine Ehefrau in der Seelenwelt in Empfang nahm, um mit ihr zusammen Richtung Himmel aufzufahren. Einen ähnlichen Traum hatte auch ein Onkel Chinmoys, als dessen Vater Shashi Kumar gestorben war. In diesem Traum wurde der Dahingeschiedene von mehreren Verwandten in einem goldenen Boot willkommen geheißen. Dazu Sri Chinmoy:
"Wenn nahe Freunde und Verwandte, die bereits in der Seelenwelt sind, ein inneres, tiefes und zartes emotionales Band für uns aufrecht erhalten, dann, zum Zeitpunkt unseres Dahinscheidens, werden sie uns empfangen und uns dabei helfen im Himmel ein Leben der Wonne zu führen. Bei religiösen und spirituellen Menschen kommen die Verwandten in den allermeisten Fällen."
Aber auch der zwölfjährige Chinmoy selbst wurde Zeuge einer solchen Vision, kurz nach dem Tod seiner Mutter. Einem indischen Brauch zufolge, wurde Yogamaya noch am gleichen Tag verbrannt. Sie verstarb etwa um zwei Uhr Nachmittags und bereits vier Stunden später, am frühen Abend, wurde ihr Leichnam zum Verbrennungsplatz gebracht und unter den Augen ihrer in Tränen aufgelösten Kinder und Verwandten eingeäschert. In derselben Nacht, es herrschte absolute Dunkelheit, da die Familie Ghose nie Kerzen oder Lampen verwendete, sah Chinmoy plötzlich ein helles Licht, welches seinen ganzen Raum erfüllte. Chinmoy selbst verbrachte die Nacht unter einem Moskitonetz in seinem Zimmer, wohingegen seine Geschwister sich in anderen Räumen aufhielten. Dazu er selbst: "Auf einmal wurde der Raum von Licht durchflutet und ich sah meine Mutter. Die Seele meiner Mutter war reines Licht. Ich wusste nicht, was die Seele war, jedoch sah ich klar und deutlich, dass meine Mutter mich segnete und mir äußerste Zuneigung zeigte. Sie sagte zu mir, ich solle mir keine Sorgen machen und das alles gut werden würde. Von nun an würde sie mich auf eine andere Art und Weise segnen und unterstützen. "Dies", so Sri Chinmoy weiter, "war meine erste Erfahrung von Göttlichem Licht."
Ende und Neubeginn
Die Zeit Chinmoys in Shakpura neigte sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Doch zuvor musste er, ähnlich wie nach dem Tod des Vaters, einige Prozeduren über sich ergehen lassen, wie zum Beispiel die Haare vollkommen abrasiert zu bekommen, was natürlich zu Hänseleien von Seiten Chinmoys Mitschülern führte. Zur gleichen Zeit arbeitete der älteste Bruder Hriday als Schulleiter in einer Schule für junge Mädchen. Als er sah, in welcher schwierigen Situation sich sein jüngster Bruder befand, sagte er zu ihm: "Komm und lerne für einige Monate an unserer Schule." Und obwohl es sich dabei ja eigentlich um eine Schule für Mädchen handelte, wurden hin und wieder Ausnahmegenehmigungen erteilt. Dadurch kam Chinmoys aufgewühltes Leben in etwas ruhigere Bahnen und er konnte die nächsten Monate in aller Ruhe verbringen.
Chinmoys Bruder Chitta hielt sich gerade im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry auf, als seine geliebte Mutter verstarb. Jede Woche sendete er deshalb Briefe nach Hause, um seine Geschwister über den neuesten Stand der Dinge zu unterrichten, die alle nun darauf warteten, in den Ashram aufgenommen zu werden. Das Postamt war über drei Kilometer von Shakpura entfernt und so lief Chinmoy jede Woche diese Strecke, um die ersehnte Botschaft zu erhalten. Schon auf dem Weg nach Hause öffnete er voller Ungeduld und Erwartung den jeweiligen Brief und las den Inhalt. An einem Tag konnte er jedoch ein englisches Wort nicht verstehen, welches hinter jedem Mitglied seiner Familie geschrieben stand. Daher wusste Chinmoy nicht, ob sie nun angenommen oder abgelehnt worden waren. Auf dem Rückweg nach Shakpura machte er sich deshalb darüber große Sorgen. Einerseits sah Chinmoy kein "Nein", vielleicht jedoch bedeutete andererseits ein ihm unbekanntes englisches Wort eine Ablehnung.
Als Chinmoy wieder daheim war, eilte er unverzüglich zu seinem ältesten Bruder Hriday und gab ihm den Brief voller Besorgnis. Doch dann sah er ein Lächeln auf Hridays Lippen. Das war ein gutes Omen. Und tatsächlich, das Wort, welches der junge Chinmoy nicht verstanden hatte, bedeutete "Gewährt". Die "Mutter" des Sri Aurobindo-Ashrams in Pondicherry, Mira Alfassa, hatte ihre Erlaubnis erteilt! Nun stand einem Neubeginn nichts mehr im Wege. Alle Brüder und Schwestern waren als Ashram-Mitglieder akzeptiert. Und bald darauf, im Frühjahr 1944, brachen sie gemeinsam Richtung Ashram auf und wurden bereits nach zwei Wochen zu dauerhaften Mitgliedern ernannt. Normalerweise dauerte diese Prozedur bei den meisten zwei oder drei Jahre. Und so begann für Chinmoy und seine Geschwister eine neue Zeit, die vom disziplinierten Leben im Ashram geprägt wurde - einem Leben erfüllt von Meditation, Arbeit, Sport, künstlerischen Aktivitäten und vor allem: der Suche nach sich selbst - der Suche nach Gott.
