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Sri Aurobindos Tod
Vielfältige Aufgaben im Ashram
Das Leben im Ashram gestaltete sich für den jungen Chinmoy sehr abwechslungsreich. Angefangen von seiner immens großen spirituellen Disziplin, die jeden Morgen um sieben Minuten nach zwei begann und viele Stunden andauerte, über sein gewissenhaftes Studium in der Ashram-Bibliothek, bis hin zu diversen sportlichen Betätigungen reichte die vielfältige tagtägliche Palette. Darüber hinaus übernahm Chinmoy auch verschiedene weltliche Aufgaben, wie zum Beispiel Botengänge oder auch das Abspülen in der Ashram-Küche. Letzteres gab ihm besonders viel Erfüllung, weil er hier, wie er immer wieder gerne betonte, nicht nachdenken musste und somit ungestört meditieren konnte. Dazu kam sein Interesse an künstlerischen Aktivitäten, wozu das Schreiben, das Verfassen bengalischer Poesie sowie Musik zählte. Sei es nun Gesang oder das Spielen auf dem indischen Harmonium.
Agni
Mit 19 Jahren hatte Chinmoy eine bedeutende innere Erfahrung, im Zusammenhang mit dem großen Kosmischen Gott Agni. Agni wird in der indischen Mythologie nach Indra, dem Oberhaupt der Götter, die größte Bedeutung beigemessen. Agni ist Feuer. Er symbolisiert daher die innere Flamme, die zum Höchsten hinauf strebt. Agni kann sich, wie alle Kosmischen Götter, in verschiedenen Formen und Gestalten verkörpern. "Jedoch der wirkliche Agni", so Sri Chinmoy, "der Kosmische Gott in seinem höchsten Bewusstsein, seiner ewiglichen Form, wird vor dem Sucher in normaler menschlicher Gestalt erscheinen. Er ist sehr groß und sehr schön."
Kurz nach seiner Volljährigkeit, mit 19 Jahren, hatte Chinmoy eine bedeutende Erfahrung, in der ihm Agni erschien. Dazu er selbst:"Im Alter von neunzehn sah ich Agni das erste Mal in meiner höchsten Stufe der Meditation. Schon lange, seit meinem dreizehnten Lebensjahr, wusste ich von meiner Verwirklichung aus zurückliegenden Leben. Jedoch eines Tages, im Alter von neunzehn, während ich sehr tief meditierte, kam der höchste Gott, Agni Devata, und erschien vor mir. Ich war tief bewegt, ihn das erste Mal zu sehen. Er sprach auf Englisch zu mir, nicht auf Bengali. Agni sagte zu mir: "Strebsamkeit ist Verwirklichung und Verwirklichung ist Strebsamkeit." Dies war die Botschaft, die er mir verkündete. Dann fragte er mich, ob ich ihn verstanden habe. Meine spontane Antwort war: "Ja, ich habe dich verstanden." Darauf sagte er: "Dann erkläre mir, was es bedeutet." Ich erwiderte: "Menschliche Strebsamkeit verkörpert Verwirklichung. Verwirklichung ist etwas, was wir entdecken. Wir erfinden sie nicht. Daher ist innerhalb von Strebsamkeit auch Verwirklichung vorhanden. Wenn unsere Strebsamkeit vollständig ist, sehen wir, dass auch Verwirklichung erblüht ist. Verwirklichung ist nicht etwas völlig Verschiedenes im Vergleich zur Strebsamkeit. Sie befindet sich innerhalb des Reiches unserer Strebsamkeit. Ferner ist es Verwirklichung, welche uns sagt, dass wir für immer zu streben haben, um das sich ewiglich transzendierende Jenseits zu erreichen."
Letztes Zusammentreffen mit Sri Aurobindo
Viermal jährlich gaben Sri Aurobindo und die Mutter Mira Alfassa zusammen Darshan, das heißt zeigten sich gemeinsam ihren Schülern und der Öffentlichkeit. Es bildete sich regelmäßig eine sehr lange Warteschlange, die in jenen Raum führte, in dem Sri Aurobindo und die Mutter saßen. Jeder hatte die Gelegenheit ein paar Sekunden vor ihnen zu stehen, bevor er oder sie den Raum durch eine andere Tür wieder verließ. Chinmoy und ein paar andere hatten die Aufgabe, die Sandalen der Schüler und Verehrer vom Haupteingang zur Ausgangstür zu bringen. Denn es verstand sich natürlich von selbst, dass die geheiligten Räumlichkeiten nicht mit Schuhen betreten werden durften.
Am 24. November 1950, einem der vier Darshantage, übte Chinmoy diese Tätigkeit mit der gewohnten Hingabe aus. Daher war er einer der letzten, die an diesem besonderen Tag vor Sri Aurobindo und die Mutter traten. Als Chinmoy in den Raum kam sah er, dass Sri Aurobindo unter großen Schmerzen litt. Er hatte deshalb das starke Gefühl, dass bald etwas Ernsthaftes passieren würde. Und tatsächlich, nur elf Tage später, am 5. Dezember 1950, verließ der große spirituelle Meister Sri Aurobindo seinen geheiligten Körper. Einen Körper, der unendlich viel für seine Schüler sowie die gesamte Menschheit erreicht, aber auch ertragen hatte. Oder wie es die Mutter Mira Alfassa ausdrückte und wie es am Samadhi, dem Grab Sri Aurobindos im Innenhof des Ashrams, eingraviert zu lesen ist:
"Dir zu Ehren, die Du die körperliche Hülle unseres Meisters warst, Dir unsere grenzenlose Dankbarkeit.
Vor Dir, die Du so viel für uns getan hast, so viel erarbeitet, erkämpft, erlitten, erhofft, ertragen hast.
Vor Dir, die Du alles erwünscht hast, alles versucht hast, vorbereitet, alles für uns erreicht hast.
Vor Dir verbeugen wir uns und erflehen, dass wir niemals vergessen mögen, und sei es auch nur für einen flüchtigen Augenblick, alles, was wir Dir verdanken."
Nach dem Tod Sri Aurobindos
Der Tod Sri Aurobindos am 5. Dezember 1950 bedeutete einen tiefen Einschnitt im Leben Chinmoys, sowie natürlich auch in dem aller anderen Mitglieder des Ashrams. Und doch war der große Meister der Meditation nach wie vor für alle spürbar und präsent. Chinmoy schrieb diesbezüglich ein paar Jahre später in einem Theaterstück über das Leben Sri Aurobindos daher folgende Zeilen:
Sri Aurobindo hat den Körper verlassen. Eine Botschaft wird den trauernden Schülern vorgelesen, wodurch sie wieder neuen Mut und neue Hoffnung schöpfen. Sie stammt von der Mutter Mira Alfassa, die den Ashram leitet.
Mira Alfassa: "Trauern bedeutet eine Beleidigung Sri Aurobindos, der bewusst und lebendig unter uns weilt."
Schüler A:
Mutters Worte haben mir wieder Mut gemacht. Oh, was hatte mich nur überkommen? Sri Aurobindo ist jenseits von Leben und Tod. Das eine kann ihn nicht fesseln, das andere kann ihm nichts anhaben.
Schüler B:
Dies charakterisiert einen Meister-Yogi. Und darüber hinaus - seine körperliche Anwesenheit im Ashram hat ihn nie begrenzt. Die ganze Erde war seine Wohnstätte und er war überall stets dort, wo seine Anwesenheit benötigt wurde. Raum und Zeit sind für uns Menschen, nicht für einen Meister des Supramentalen Yoga.
So ging also das Leben im Ashram ungehindert weiter, wobei die Mutter Mira Alfassa nun eine noch zentralere Rolle als bisher schon einnahm. Und auch die vielfältigen Aktivitäten der spirituellen Gemeinschaft wurden fortgeführt, wie zum Beispiel das jährlich stattfindende Sportfest.
