- In Indien
- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
- Rad oder nicht Rad
- Entdeckte Talente
- Im Auge des Löwen
- Schwere Zeit für Chinmoy
- Traumvisionen
- Im Sri Aurobindo Ashram
- Chinmoy und das Buch des Lebens
- Chinmoys Talente
- Ravi Shankar und Indiens Unabhängigkeit
- Sri Aurobindos Tod
- Ashramleben
- Privatsekretär und Leichtathlet
- Spezialerlaubnis
- Prophezeiung
- Im Westen
- Aktivitäten
Spezialerlaubnis
Erlaubnis in Sri Aurobindos Raum zu meditieren
Romen Palit, Chinmoys Privatlehrer bezüglich englischer Literatur, kam eines Tages, im Mai 1958, auf seinen Schützling zu und sagte: "Ich habe die besondere Erlaubnis für dich von der Mutter, mit uns zusammen einmal im Monat in Sri Aurobindos Raum zu meditieren. Drei meiner Freunde und ich haben dies die zurückliegenden drei Monate getan. Bitte begleite uns von nun an dabei." Zuerst zögerte Chinmoy bei diesem ungewöhnlichen Angebot ein wenig, nahm aber dann doch das Angebot für den kommenden Tag an.
Um ein Uhr mittags, wenn die südindische Hitze am unerträglichsten ist, gingen alle fünf in Sri Aurobindos Raum, um gemeinsam zu meditieren. Hingebungsvoll begaben sich alle in innere Versenkung, jedoch mussten sie, einer nach dem anderen, nach einiger Zeit der starken Hitze ihren Tribut zollen. Zu diesem Zeitpunkt kam Champaklal-ji, der persönliche Gehilfe der Mutter Mira Alfassa zu Tür herein, um sich einen Eindruck vom Stand der Dinge zu machen. Als er entdeckte, dass alle eingeschlafen waren, erstattete er der Mutter unverzüglich Bericht. Es erübrigt sich zu sagen, dass sie darüber sehr enttäuscht war und deshalb die Erlaubnis zurückzog, regelmäßig in Sri Aurobindos Raum zu meditieren.
Um sechs Uhr am gleichen Abend sah Chinmoy, wie Champaklal-ji auf ihn zukam. Champaklal-ji hatte, nicht zuletzt durch sein äußeres etwas wildes Erscheinungsbild, immer etwas Furcht einflößendes an sich. Diesmal rief er schon von Weitem lautstark Chinmoys Name, so dass es diesem etwas mulmig zumute wurde. Als Champaklal-ji näher kam, sagte Chinmoy zu ihm: "Ich weiß, was du mir sagen möchtest. Vor wenigen Stunden gab mir Romen-da die traurige Kunde." Jedoch zu Chinmoys großer Überraschung schüttelte Champaklal-ji seinen Kopf und sagte mit leiser Stimme: "Chinmoy, von Morgen an möchte die Mutter, dass du jeden Morgen um sechs Uhr entweder vor oder in Sri Aurobindos Raum meditierst und darüber hinaus auch im gegenüberliegenden Raum, auf die großen Portraits der Mutter und Sri Aurobindo schauend, wie sie viermal im Jahr Darshan gaben. Die Mutter sagte, dass du solange bleiben kannst, wie du möchtest. Du bist noch sehr jung. Vielleicht hast du die Fähigkeit, nur fünf Minuten zu meditieren. Jedoch kannst du für ein oder zwei Stunden meditieren, was immer du möchtest. Du bist der Einzige, dem es erlaubt wurde, dort zu meditieren."
Chinmoy war sprachlos und glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Als er jenen Abend nach Hause kam, erzählte er die Geschichte seinen Brüdern und Schwestern. Alle fühlten sich dadurch wie im siebten Himmel. So begann Chinmoy also bereits am nächsten Morgen, in Sri Aurobindos Raum zu meditieren. Und bald meditierte er dort für zwei Stunden, von sechs bis acht Uhr. Danach traf er sich jedes Mal mit seinem ältesten Bruder Hriday, der im Essensaal mit dem Frühstück auf ihn wartete.
Der Kugelschreiber des Meisters und eine ungewöhnliche sportliche Erfahrung
Am 27. August 1959, anlässlich seines 28. Geburtstages, erhielt Chinmoy vom Sri Aurobindo Ashram-Manager Amrita einen Kugelschreiber. Amrita war einer der ersten Schüler Sri Aurobindos und ein enger Vertrauter des Ashram-Sekretärs Nolini Kanta Gupta. Das Wort "Amrita" bedeutet übersetzt "Nektar der Unsterblichkeit". Und nicht zuletzt deshalb umwehte den Kugelschreiber vielleicht auch ein Hauch von etwas Ewigem. Darüber hinaus war es nicht irgendein Kugelschreiber. Es handelte es sich hierbei um einen Tintenfüller der Firma Parker, den Amrita von Sri Aurobindo selbst geschenkt bekommen hatte. Er gab ihn Chinmoy mit den Worten: "Chinmoy, ich gebe dir meinen wertvollsten und am meisten geschätzten Besitz. Genau diesen Kugelschreiber gab mir unser Herr an einem meiner Geburtstage vor vielen Jahren, lange bevor du geboren warst. Er selbst benutzte ihn viele, viele Male."
Nach zwei Siegen im Zehnkampf und seiner Dominanz im Sprint, fasste Chinmoy eines Tages einen ungewöhnlichen Entschluss. Er wollte zumindest einmal die Erfahrung des Verlierens machen und nicht als Erster die Ziellinie überqueren. Zumindest einmal wollte Chinmoy sich mit all den anderen vollkommen identifizieren, die niemals eine gute Platzierung im Wettkampf erreichen konnten. Aus diesem Grund sagte er eines Tages zu sich selbst: "Dieses Jahr möchte ich das Leiden jener fühlen, die im Rennen zurück fallen. Für viele Jahre war ich der Gewinner. Nun möchte ich mich mit den Verlierern identifizieren."
Chinmoy verfügte durch seine tiefen Meditationen über viele innere und äußere Kräfte. Unter anderem konnte er in sich selbst Fieber erzeugen. Darüber hinaus ging er am Wettkampftag mit leerem Magen in den Wettbewerb, den 100-Meter-Sprint. Mit größter Schwierigkeit fuhr Chinmoy auf seinem Fahrrad zum Sportplatz. Er fühlte sich sehr schwach und hatte nicht einmal die Kraft und Inspiration sich aufzuwärmen, was gerade im Sprint natürlich fast unabdingbar ist. Chinmoy begab sich an die Startlinie. Er war sich fast sicher, dass er nicht einmal die 100-Meter-Distanz ganz schaffen würde und wohl stolpern oder sogar hinfallen würde.
Der Starter hatte sich schon bereit gemacht. Alle warteten gespannt auf sein Signal. Wie alle anderen Läufer befand sich auch Chinmoy in gebeugter Stellung. Dann kam das Kommando: "Auf die Plätze! Fertig! Los!" Chinmoy rannte in Höchstgeschwindigkeit los. Es war eine vollkommen ungewöhnliche und seltsame Erfahrung. Irgend etwas schien seine Arme und Beine wie von selbst vorwärts zu treiben. Chinmoy raste nur so über die Strecke. Der Zielstrich nahte. Alle anderen Läufer waren bereits weit zurück gefallen. Chinmoy überquerte die Ziellinie in neuer persönlicher Bestzeit.
Scheinbar wollte eine höhere Kraft nicht seinem Wunsch entsprechen, einmal ein Rennen zu verlieren!
