Schwere Zeit für Chinmoy

Nach dem Tod des Vaters brach eine schwere Zeit für Chinmoy und seine Geschwister an. Und dies lag nicht allein in der Tatsache begründet, dass der geliebte Vater nun nicht mehr mit ihnen war, sondern hatte seine Ursachen auch in der indischen Trauerkultur. Denn damals herrschte der Glaube vor, dass der Tod eines engen Verwandten wie Vater oder Mutter unrein mache und daher von den Hinterbliebenen Askese ausgeübt werden müsse. Askese, die einen vollen Monat andauerte. Aus diesem Grund musste sich der nun elfjährige Chinmoy zusammen mit seinen Brüdern den Kopf kahl scheren lassen und durfte in der Schule nicht mehr zusammen mit den Klassenkameraden auf einem Stuhl Platz nehmen. Er musste sich, sogar bei Schreibarbeiten oder Prüfungen, auf den Boden setzen, was selbstverständlich das Gelächter vieler seiner Klassenkameraden provozierte. Daran litt Chinmoy schwer, jedoch das Verständnis etlicher Lehrer für seine missliche Lage linderte die unangenehme Situation etwas ab.

Ein wenig Tröstung fand Chinmoy auch in einem Zeitungsartikel, der kurz nach Shashi Kumars Tod ihm zu Ehren erschienen war. Dort berichtete der Autor über Chinmoys Vater und beschrieb ihn als einen überaus herzlichen und bedeutenden Menschen. Ein schönes Bild, welches Shashi Kumar zeigte, rundete den gelungenen Artikel ab. Dazu Sri Chinmoy: "Wochenlang blickte ich jeden Morgen auf das Bild und weinte. Ich bewunderte, wertschätzte und verehrte meinen Vater, wobei ich zu sagen pflegte: Oh, ich bin sein Sohn!"

Etwa zur gleichen Zeit erkrankte auch Chinmoys Mutter Yogamaya schwer. Kurz vor dem Tod des Vaters kam es daher zur folgenden ungewöhnlichen Begebenheit: Shashi Kumar und seine Frau Yogamaya waren beide sehr krank und lagen in verschiedenen Räumen ihres Hauses in Shakpura. Als eines Tages ein Arzt nach den beiden schauen wollte, sagte Chinmoys Vater zu ihm: "Ich werde nicht gebraucht. Wenn ich sterbe, wird meine Frau auf die Kinder aufpassen. Gehen Sie deshalb und schauen Sie bitte nach ihr." Jedoch die Mutter formulierte es ähnlich, als sie dem Arzt riet: "Bitte, gehen und heilen Sie ihn. Ich bin unbedeutend." Der vorbeikommende Doktor befand sich nun in der Zwickmühle und wusste nicht genau, wie er sich jetzt verhalten sollte. Schließlich jedoch gewann Shashi Kumar die Oberhand und brachte ihn dazu, sich zuerst um seine kranke Frau zu kümmern.

Yogamaya bereitet sich auf ihren Tod vor

Yogamaya war eine überaus spirituelle Frau. Aus diesem Grund fühlte sie, dass ihr Tod nah bevorstand und bereitete sich dementsprechend darauf vor. Diese Vorbereitung bestand zum Beispiel darin, dass sie die Mitglieder ihrer Familie darum bat, ihr ununterbrochen aus der Bhagavad-Gita vorzulesen, dem vielleicht heiligsten Buch der indischen Kultur. Diesbezüglich pflegte sie zu sagen: "Nun gehe ich zum Ewigen Vater. Darauf sollte ich mich vorbereiten."

Am Todestag seiner Mutter war der jetzt zwölfjährige Chinmoy zu Besuch bei seinem Onkel mütterlicherseits, etwa zehn Kilometer von zu Hause entfernt. Früh am Morgen dieses bedeutenden Tages, fragte seine Mutter nach ihm, wobei sie sagte: "Diesen Morgen werde ich den Körper verlassen. Wohin ist Madal gegangen? Holt ihn her." Ein Cousin Chinmoys machte sich deshalb auf den Weg, um ihm vom bevorstehenden Tod der geliebten Mutter zu unterrichten. Er klopfte an die Tür des Onkels. Als Chinmoy die Worte hörte war er natürlich bestürzt aber auch etwas überrascht, denn obwohl er von der Schwere der Krankheit seiner Mutter wusste, hatte er sicherlich nicht mit einem so raschen Ende gerechnet.

Sobald er diese schlimme Nachricht empfangen hatte, lief er deshalb schnellstmöglich Richtung Shakpura los. Schon beim Loslaufen rannten ihm Tränen seine Wangen herunter und er befürchtete, er würde den letzten Atemzug seiner sterbenden Mutter nicht mehr miterleben können. Schließlich erreichte er das Elternhaus und eilte an Yogamayas Krankenbett. Das Leben der Mutter hing bereits am seidenen Faden und es war nur noch eine Frage von Minuten, bevor sie ihre physische Hülle ablegen würde. Sie war nicht dazu in der Lage zu sprechen, jedoch als sie ihren liebsten Sohn an ihrer Seite verspürte, ergriff sie sehr zärtlich seine rechte Hand. Sie konnte Chinmoys Hand nicht anheben, aber hielt sie fest umgriffen und legte sie dann in diejenige seines ältesten Bruders Hriday. Das bedeutete, dass sie ihm die Verantwortung für das Leben Chinmoys übertrug. Der bereits etwa 35-jährige Hriday sagte: "Ja, ich übernehme die Verantwortung."
Dazu Sri Chinmoy: "Dann schenkte mir meine Mutter ein Lächeln, ihr letztes Lächeln, und einige Minuten später verstarb sie." Yogamaya war noch nicht einmal 50 Jahre alt geworden. Jedoch nun war sie ihrem nur ein Jahr zuvor verstorbenen Mann in das Reich der Seele gefolgt. "Dies ist der Beweis, für ihre tiefe Seelenbeziehung", so Sri Chinmoy. "Beide waren in vergangenen Inkarnationen mit mir verwandt."