Ravi Shankar und Indiens Unabhängigkeit

Chinmoys erste Begegnung mit Ravi Shankar

Ravi Shankar ist eine Musiklegende und bedarf keiner Einführung. Wer könnte jemals sein berühmtes Zusammentreffen mit George Harrison vergessen, dessen musikalischer Lehrer er Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre wurde? Unvergesslich ist auch sein Spiel mit dem begnadeten Yehudi Menuhin, die zusammen ein Stück Musikgeschichte schrieben.
Ravi Shankar war ungefähr elf Jahre älter als Sri Chinmoy. Jedoch schon 1948, bei seinem Besuch im Sri Aurobindo Ashram auf Einladung Dilip Kumar Roys, war er ein gefeierter Musiker. Dazu Sri Chinmoy: "Ravi Shankar spielte in Dilip-da´s Haus. Es waren 150 oder 200 Menschen anwesend. Ich hatte das große Glück, während Ravi Shankars Auftritt in seiner Nähe zu sitzen. Vielleicht waren es zwei Meter." Und es dauerte 25 Jahre, bis sich die beiden in Sri Chinmoys Wahlheimat New York wieder begegneten. Genauer gesagt am 20. September 1973. Und bis zum dritten Aufeinandertreffen, auf den Tag genau 29 Jahre später, am 20. September 2002, verging sogar eine noch längere Zeit. Dazu wiederum Sri Chinmoy: "Unsere Beziehung begann in Dilip-da´s Haus. Wer hätte gedacht, dass Geschichte eine solch bedeutende Rolle in unserem Leben spielen kann! Dies alles war Gottes undurchschaubarer Plan."

15. August 1947: Indien erlangt seine Unabhängigkeit

Der 15. August 1947 ist ein überaus bedeutendes Datum in der jüngeren indischen Geschichte. Denn an diesem Tag erlangte Indien seine Unabhängigkeit wieder. Eine Unabhängigkeit, die diesem riesigen Subkontinent vom Britischen Reich vor langer Zeit genommen worden war. Gleichzeitig war es auch der 75. Geburtstag Sri Aurobindos, des großen spirituellen Meisters. Schon vor vielen Jahren hatte er sich vom politischen Leben zurückgezogen, um seine eigene innere Verwirklichung sowie die Verwandlung des gesamten Erdbewusstseins voran zu treiben. Ein großer Schritt war heute getan. Nicht zuletzt durch Sri Aurobindos gewaltiges inneres und äußeres Wirken. Und um diesen besonderen Anlass poetisch zu würdigen, schrieb Chinmoy ein bengalisches Gedicht, welches er genau ein Jahr später ins Englische übertrug und es, wie bereits üblich, der Mutter Mira Alfassa gab. Lächelnd sagte die Mutter zu ihm: "Ich weiß, du gibst es zwar mir, willst es aber eigentlich Sri Aurobindo geben." Daher nahm sie das Gedicht kurzerhand in Empfang und überreichte es Sri Aurobindo.

Chinmoys tägliche Verwandlung vom Saulus zum Paulus

Jeden Tag, um acht Uhr abends, versammelten sich etwa 400 Menschen vor dem Haus der Mutter des Ashrams, Mira Alfassa, um ihren Segen zu empfangen. Diszipliniert stellten sie sich jedes Mal in einer Reihe auf. Wer zuerst kam, stand deshalb in der Warteschlange ganz vorne. Chinmoys "Ashram-Mutter" Mridu-di hatte die Angewohnheit, schon ungefähr zwei Stunden vorher einzutreffen und sich auf diese Weise einen vorderen Platz zu sichern. Nur zwei oder drei Personen waren normalerweise vor ihr. Mridu-Di setzte sich auf die Treppe im ersten Stock, die zur Wohnung der Mutter eine Etage höher führte, nur etwa zwei oder drei Stufen von der Eingangstür entfernt. Mridu-di war recht dick und belegte daher den Platz für mindestens zwei Personen. Darüber hinaus hatte sie die Angewohnheit ihre Beine etwas zu spreizen, damit sich niemand in ihre Nähe setzten konnte. Und niemand wagte es, sie aufzufordern Platz zu machen.

Chinmoy war immer spät dran. Denn normalerweise spielte er Nachmittags Fußball, Volleyball, trainierte Leichtathletik oder verbrachte anderweitig seine Zeit. Aus diesem Grund war er selten früher als zwei oder drei Minuten bevor die Segnungen der Mutter begannen an Ort und Stelle. Fast jedes Mal kam er daher im Eiltempo angerannt und hätte sich natürlich ganz hinten in der Warteschlange anstellen müssen, wenn da nicht Mridu-di gewesen wäre. Weil Chinmoy aber wusste, dass sie ihn sicher nicht vergessen hatte, lief er an den ganzen Wartenden vorbei. Bis er schließlich seine "Ashram-Mutter" fast ganz vorne in der Reihe erblickte. Und diese machte ohne zu zögern ihrem "Sohn" Platz und ließ ihn sogar vor sich in die Schlange. Dies weckte natürlich den Unbill der hinter ihr Wartenden. Aber dies kümmerte sie nicht. Zu allem Überfluss hatte sie für Chinmoy sogar immer noch eine wunderschöne Rose bereitet, die sie diesem liebevoll in die Hand legte, wobei sie ihn des öfteren auch selbst segnete.
"Somit", sagte Sri Chinmoy, "machte sie mich in zwei Minuten zu einem Heiligen. Denn hätte ich mich an die Regeln gehalten und hinten angestellt, wären normalerweise immer mindestens 200 Personen vor mir gewesen. Jedoch mit ihrer Hilfe war ich jeden Abend einer der ersten in der Reihe."

Erwachen

Chinmoy war mittlerweile etwa 17 Jahre alt und hatte schon des öfteren tiefe spirituelle und mystische Erfahrungen gehabt. Glücklicherweise besaß er einige sehr enge Freunde im Ashram, die ihn auf seiner inneren Suche unterstützen. "Denn manchmal", wie er später einmal sagte, "vergaß ich nach sehr hohen Erfahrungen sogar meinen Namen und wusste nicht mehr wer ich in Wirklichkeit war." Doch seine Freunde halfen ihm dabei, sich wieder zu erinnern und nahmen deshalb einen wichtigen Platz in seinem Leben ein. Auch die folgende Geschichte ist eine zutiefst mystische, die Chinmoy bereits im Alter von etwa 17 Jahren hatte.

"Mitternacht. Der Himmel war von Wolken bedeckt. Es regnete in Strömen. Ein zarter Fluss der Wonne hatte sich in mein Herz geschlichen und es aus dem Schlaf erweckt. Ich stand auf und fing bald darauf an mich umzusehen. Doch ich erblickte Niemanden und konnte deshalb nicht sagen, woher diese zarte Wonne gekommen war. Daher versuchte ich, mit schwerem Herzen, wieder etwas Schlaf zu finden.
Plötzlich hörte ich ein lautes Rufen in mir, welches verkündete: "Blicke zum Himmel, mein Liebster, blicke gen Himmel." Ich blickte. Es regnete nun nicht mehr. Keine Wolke war zu sehen. Das ewiglich reine Angesicht des Mondes leuchtete hell. Bald fühlte ich wie mein Vogel des Bewusstseins im Herzen des Mondes tanzte. Ich sah eine zarte und blumengleiche Hand, die mich mit großer Liebe zu sich heran winkte. Bald, tanzend mit unendlicher Freude, begann mein Herz in Richtung des blauen Himmels zu fliegen, von wo aus mich mein Freund herbei rief.
Auf dem Weg dorthin schaute ich nur ein einziges Mal zur Erde hinunter. Dort erblickte ich einige irdische Wesen, die mir mit großer Zuneigung hinterher riefen und mich baten nicht zu meinem Ziel zu gehen. Dagegen sagten einige andere: "Unser liebender Freund, gehe weiter vorwärts. Unser Geliebter ruft dich." Ich folgte dem glühenden Wunsch der letzteren.
Ich erreichte mein Ziel. Die blumengleiche Hand befahl mir in die Tiefen meines eigenen Herzens zu tauchen und dort Seine gesamte Schöpfung zu erblicken. Mit welcher Freude sah ich Seine gesamte Schöpfung in mir! Die Hand berührte sanft mein Haupt und verwandelte mich in Licht, Liebe und Schönheit."