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Rad oder nicht Rad - das ist hier die Frage
Madal war mittlerweile sechs Jahre alt und er wünschte sich nichts sehnlicher als ein eigenes Fahrrad. Ein richtiges Fahrrad! Denn mit einem Dreirad, so seine stolze Meinung, konnte ein Junge sein Alters nun wirklich nichts mehr anfangen! Und schließlich war ja auch sein Bruder Mantu bereits stolzer Besitzer eines solchen zweirädrigen Wundergefährtes. Doch Madals Eltern lehnten solche Gedankenspielereien strikt ab. "Zu gefährlich", meinten sie nur kurz und knapp.
Aber eines schönen Tages erblickte der kleine Chinmoy ein nagelneues Rad in einem Fahrradgeschäft, nur unweit der elterlichen Bank entfernt. Der Vater Shashi Kumar hatte erst kürzlich diese Bank gegründet und die Arbeit als Oberinspektor bei der Assam-Bengalischen-Bahnlinie aufgegeben. Es war eine schöne, kleine Bank, der er den Namen "Griha Lakshmi" gegeben hatte, was übersetzt "Das Haus von Lakshmi" bedeutet. Lakshmi ist die indische Göttin des Wohlstandes und des Reichtums, sowohl in materieller als auch in spiritueller Hinsicht.
Was würde dieses kleine Fahrrad wohl kosten? Kurz entschlossen betrat Chinmoy den Laden und fragte den Verkäufer nach dem Preis. Dieser sagte: "Für fünfzehn oder zwanzig Rupien kannst du es haben." Madal war begeistert. Unverzüglich rannte er zurück zur Bank und erzählte seinem dort arbeitenden Bruder Chitta die tolle Neuigkeit. Dieser jedoch erwiderte: "Nein, nein, nein, sie werden dieses Fahrrad nicht verkaufen." Madal sagte: "Es wird definitiv zum Verkauf angeboten. Sie haben es mir erzählt." Er wollte seinen Bruder davon überzeugen, bis dieser schließlich nachgab und meinte: "Nachdem ich meine Arbeit beendet habe, können wir einmal hingehen und uns genauer erkundigen."
Aber Chitta war sehr klug. Zwischenzeitlich schickte er heimlich einen Laufburschen zum Fahrradgeschäft, gab ihm zwei Rupien und wies ihn an diese dem Inhaber zu geben. Unter der Bedingung, dass er dieses Rad seinem Bruder Madal nicht länger zum Verkauf anbieten würde. Und tatsächlich, als Chitta und Chinmoy nur wenige Stunden später den Laden betraten behauptete der Besitzer, dass das Fahrrad nicht verkauft werden könne. Madal konnte es nicht glauben, hatte er doch kurz zuvor das genaue Gegenteil aus dem Munde des Verkäufers gehört. Chitta jedoch verzog keine Miene und tat so, als wüsste er von nichts. Erst Jahre später erzählte er seinem kleinen Bruder die ganze Wahrheit.
Aus diesem Grund musste sich Madal weiterhin mit seinem Dreirad zufrieden geben. Sowie den gelegentlichen Ausflugsfahrten auf dem Gepäckträger eines Bankangestellten. Doch dies ist eine andere Geschichte.
Gepäckträger-Touren
Vater Shashi Kumar und der ältere Bruder Chitta sahen es überhaupt nicht gerne, wenn der kleine Chinmoy mal wieder den Gepäckträger eines Bankgestellten für seine zahlreichen Exkursionen benutzte. Vor allem die große mittägliche Hitze machte ihnen Sorgen. Daher bestand Chitta immer darauf, dass sein kleiner Bruder zumindest einen Hut tragen solle. Doch Madal verabscheute Hüte, musste sich jedoch fügen, denn schließlich war er ja der Liebste und Jüngste der Familie.
Aber irgendwie schaffte der kleine Chinmoy es immer wieder, selbst in der größten Mittagshitze, seiner innig geliebten Beschäftigung nachzugehen. Und das ging so: Mit den Augen signalisierte ihm der Bankangestellte wann jener bereit war und auf welcher Seite des Bankgebäudes er warten würde. Um seinen Vater zu täuschen, ging Madal nun in die genau entgegengesetzte Richtung, mit dem Vorwand er wolle sich nur ein paar Süßigkeiten besorgen. An dieser Stelle wartete dann immer der Bankbote und hob ihn auf sein Fahrrad.
Der Name des Angestellten war Manindra. Er befand sich auf dem Weg zu verschiedenen Banken, um diverse Arbeiten für Madals Vater zu verrichten. Er war ein freundlicher und liebenswerter Mann, hatte jedoch ziemliches Übergewicht. Auch konnte er wohl kaum als groß bezeichnet werden. Da er darüber hinaus noch hinkte, war sein Laufstil noch am ehesten als gemächlich zu bezeichnen. Zwei- oder dreimal fielen Chinmoy und Manindra, eventuell begünstigt durch diese körperlichen Einschränkungen, sogar vom Fahrrad. Die schlimmste Erfahrung davon war folgende:
Manindra radelte in hoher Geschwindigkeit entlang eines Weges, der von dichtem Gestrüpp umzäunt war. Hin und wieder wurde Madal von diesen kleinen Ästen und Zweigen getroffen, da er seine Beine wohl etwas zu weit seitlich ausgestreckt hielt. Als sie in eine Gegend kamen, in denen sich eine Punjab-Sikhs-Kolonie befand, kam es zu einem ziemlich ernsthaften Unfall. Dazu muss man wissen, dass die Punjab-Sikhs in der Regel immer recht groß gewachsen sind und länge Bärte und Schnurrbärte tragen, was für ein Kind ziemlich beängstigend sein kann. Wenn, wie in diesem Fall, auch noch ihre oftmals laute und tiefe Stimme hinzukommt, können sogar Erwachsene etwas erschrocken reagieren.
So wie an heutigem Tag. Ein Sikh rief einem anderen etwas zu, Madal erschrak sich, das Fahrrad geriet ins Trudeln, kam ins Ungleichgewicht und Manindra fiel mit seinem beleibten Körper auf den armen Madal. Worauf dieser natürlich sofort zu weinen begann. Der Bankangestellte war überaus besorgt. Chinmoy würde sich doch nicht ernsthaft verletzt haben? Auch machte er sich Gedanken um seine Arbeitsstelle, denn schließlich war der kleine Chinmoy ja der Liebling der Familie Ghose, seinem Arbeitgeber.
Doch glücklicherweise kam er mit derben Beschimpfungen von Seiten Madals Tante davon, schwor sich allerdings, niemals mehr seinen kleinen Freund auf die zahlreichen Botengänge mitzunehmen. "Aber dieser Schwur", so Sri Chinmoy, "hielt genau drei oder vier Tage!"
Chinmoys blutige Erfahrungen
Natürlich liebten auch die Kinder Shakpuras, genauso wie alle anderen Kinder der Welt Spiele über alles. Ein ganz besonderes Spiel nannte sich Danguli, wozu mehrere Stöcke benötigt wurden. Jede Person bekam hierbei zwei von diesen Stöcken, einen größeren und einen kleineren. Mit dem großen Stock wurde nun der kleinere Stock in die Höhe geschlagen. Bevor dieser auf dem Boden aufkommen konnte, wurde der große Stock ein zweites Mal benutzt. Dieses Mal sollte der kleine Stock in die Richtung der gegnerischen Mannschaft gebracht werden. Konnte ein Mitglied dieser Mannschaft den kleinen Stock fangen, war das Spiel verloren.
Als eines Tages der kleine Chinmoy und sein Bruder Mantu in jeweils verschiedenen Mannschaften gegeneinander spielten, katapultierte ein Mitglied von Chinmoys Mannschaft den kleinen Stock auf eine so unglückliche Weise in die gegnerische Hälfte, dass er mit einem festen Schlag seinen Bruder Mantu am linken Auge traf. Sofort fing das Auge stark an zu bluten. Alle waren verängstigt und schockiert und befürchteten, dass Mantu auf diesem Auge vollkommen erblinden könne.
Die Kinder führten den armen Mantu zu seiner und Chinmoys Mutter Yogamaya. Als sie die Verletzung ihres Sohnes sah, bekam sie einen Schreikampf. Denn das einzige was zu erkennen war, war das viele Blut, welches aus dem Auge ihres Sohnes floss. Daher dachte sie, dass er sein Augenlicht eingebüßt habe. Schnellstmöglich wurde der Dorfarzt gerufen. Er begann, Mantu sofort zu untersuchen. Aber nach einer Zeit des endlos scheinenden Wartens, gab er schließlich Entwarnung. Das Auge selbst war glücklicherweise nicht betroffen, wenn auch in Augennähe eine größere Wunde klaffte.
Dazu Sri Chinmoy: "Diese furchteinflößende Erfahrung machte einen nachhaltigen Eindruck auf mich und hielt viele Stunden an. Ich liebte meinen Bruder und er liebte mich. Daher handelte es sich hierbei um ein wirklich traumatisches Ereignis in meinem Leben."
Das siebte Lebensjahr hielt scheinbar einige schwierigere Erfahrungen für den kleinen Madal bereit. Zumindest was Unfälle und dergleichen anging. Denn noch bevor Chinmoy seinen siebten Geburtstag erreicht hatte, wurde er selbst zum Opfer eines unangenehmen Ereignisses. Und das geschah so:
Shashi Kumar verbrachte normalerweise die ganze Woche in der Großstadt Chittagong, wo er der Direktor und Eigentümer einer kleinen Bank namens "Griha Lakshmi" war. Als er endlich eines Freitag Abends wieder zu Hause ankam, rannte sein jüngster Sohn voller Begeisterung auf ihn zu und prahlte damit, dass er nun gelernt habe den Mangobaum im Garten seines Elternhauses hinaufzuklettern. Shashi Kumar konnte das nicht glauben. Um diese Behauptung daher zu untermauern, und den ungläubigen Vater eines besseren zu belehren, griff sich Chinmoy eilig eine kleine Machete, mit der er ein Stück Ast vom Baumgipfel als Beweisstück abschneiden wollte und rannte schnurstracks in den Garten.
Dort angekommen, begann Madal unverzüglich den besagten Mangobaum hinaufzuklettern. Jedoch noch bevor er den Gipfel erreicht hatte, verletzte er sich eine Sehne am Handgelenk, wobei ein Ast ihm einen tiefen Schnitt zufügte. Er fing an zu weinen und ein Angestellter des Elternhauses, der Madal in den Garten gefolgt war, kletterte zu ihm hoch und brachte ihn zu seinem Vater. Shashi Kumar war ein durch und durch ruhiger und stiller Mensch. "Die Qualität seiner Seele", so Sri Chinmoy, "war Frieden". Jedoch nun war er so sehr aufgebracht, dass er Madal sogar schlug. Dann wies er Chitta, Mantu, die Hausangestellten und den Koch an, einen Arzt zu holen. Da es drei oder vier Ärzte im Dorf gab, sagte er: "Wer auch immer einen Doktor findet, soll ihn hierher bringen!" Als einer dieser Doktoren dann schließlich eintraf, gab jener sofort Entwarnung. Alles war halb so schlimm. Jedoch Shashi Kumar war immer noch außer sich, weil sein jüngster Sohn nach wie vor so stark blutete.
Sri Chinmoy bemerkte dazu viele Jahre später, dass sein Vater ihn nur dieses eine Mal geschlagen habe, wohingegen die Mutter etwas "impulsiver" gewesen sei. Jedoch werde er dieses eine Mal niemals vergessen. Schon alleine aus dem Grund, weil ihn eine Narbe auf dem linken Handgelenk für immer daran erinnere.
