- In Indien
- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
- Rad oder nicht Rad
- Entdeckte Talente
- Im Auge des Löwen
- Schwere Zeit für Chinmoy
- Traumvisionen
- Im Sri Aurobindo Ashram
- Chinmoy und das Buch des Lebens
- Chinmoys Talente
- Ravi Shankar und Indiens Unabhängigkeit
- Sri Aurobindos Tod
- Ashramleben
- Privatsekretär und Leichtathlet
- Spezialerlaubnis
- Prophezeiung
- Im Westen
- Aktivitäten
Prophezeiung
Chinmoys Arbeit als Sekretär des Ashram-Leiters Nolini Kanta Gupta war sehr abwechslungsreich. Über die Jahre hinweg übersetzte er unzählige Artikel, Essays und Geschichten des bedeutenden Literaten vom Bengalischen ins Englische. Er war zu einem großen Kenner und Vertrauten des Werkes Nolini Kanta Guptas geworden. Auch erledigte Chinmoy viele Botengänge und wurde dadurch mit vielen Menschen im Sri Aurobindo Ashram bekannt. Darüber hinaus hatte er schon in jungen Jahren eine ganze Reihe von Lehrern und Unterstützern. Einer dieser Lehrer und Unterstützer war Dr. Sisirkumar Ghose. Dr. Ghose war kein ständiges Mitglied des Sri Aurobindo Ashrams, sondern lebte normalerweise in Santiniketan, West -Bengalen, wo er eine Professur in Englisch innehatte. Sisir-da war ein wahrer Kenner der Schriften des großen indischen Schriftstellers Rabindranath Tagore. Hin und wieder stattete er dem Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry einen Besuch ab.
So auch 1962, nachdem Dr. Ghose von einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten von Amerika zurück kehrte. Die dort gemachten Erfahrungen waren äußerst interessant und man hatte ihn daher gebeten sie den Mitgliedern des Ashrams näher zu bringen. Zu diesem besonderen Anlass hatten sich viele Hundert Ashramities eingefunden. Auch Chinmoy befand sich darunter und hatte recht weit vorne in der vierten Reihe Platz genommen.
Alles begann wie erwartet und Dr Sisirkumar Ghose erzählte von seinen vielen Erfahrungen im fernen Amerika. Doch plötzlich und unerwartet deutete er auf Chinmoy und sagte: "Ich kann deutlich sehen, dass in wenigen Jahren dieser junge Mann, Chinmoy, nach Amerika gehen wird und er wird donnern." Daraufhin brach der ganze Saal in Gelächter aus. Denn weder kannte Chinmoy einen amerikanischen Staatsbürger noch war er über die Jahre hinweg wirklich bedeutsam jenseits der Grenzen des Ashrams gelangt. Aber die Zukunft hatte ihre eigenen Pläne.
Die Gnade Sarada Devis
Chinmoy war mittlerweile 32 Jahre alt und bereits seit sieben Jahren der Sekretär des großen Nolini Kanta Gupta. Seit seiner Ankunft im Sri Aurobindo Ashram waren bereits zwei Dekaden vergangen und aus Chinmoy dem Kind, dem Jugendlichen und dem jungen Erwachsenen war nun ein reifer Mann geworden. Ein Mann, der unzählige innere und äußere Erfahrungen gemacht hatte, die ihn zum wahren spirituellen Lehrer prädestinierten.
Und eines Tages, in einer seiner tiefen Meditationen, hatte Chinmoy solch eine innere Eingebung. Diese Eingebung oder Befehl des Göttlichen wies ihn an, nach Amerika zu gehen, um dort den nach innerer Weisheit strebenden Menschen zu dienen. Doch wie sollte dies vonstatten gehen? Schließlich hatte Chinmoy keinerlei Verbindung mit Amerika und, was mindestens genauso wichtig war, verfügte nicht über die dafür notwendigen finanziellen Mittel. Doch was sein soll, schickt sich wohl... .
Plötzlich und unerwartet erhielt Chinmoy das notwendige Geld. Und zwar von einem alten Freund namens Baburam Mehra. Dieser bezahlte Chinmoy nicht nur die Überfahrt nach Amerika sondern bot sich auch als dessen Bürge an. Aber so wichtig dieser Umstand für alle Beteiligten auch war, ließ er dennoch Chinmoys Geschwister traurig zurück. Für wie lange würde sie ihren geliebten Bruder nicht mehr sehen? Wie würde sich von nun an das Leben im Ashram für sie gestalten? Doch sie wussten, es gab nun kein zurück mehr. Ihr Bruder musste dem göttlichen Befehl Folge leisten, der aus den Tiefen seiner Meditation an die Oberfläche gestiegen war. Und Chinmoy tat dies ohne Wenn und Aber.
Chinmoy nahm den Bus nach Madras. Was er jetzt benötigte war ein Erlaubnisformular, welches ihn berechtigte seinen Ausweis bei den Behörden abzuholen, den so genannten P-Vordruck. Die Tage vergingen, jedoch das Formular ließ noch immer auf sich warten. Chinmoy machte dies sehr zu schaffen und er wusste nicht mehr, was er jetzt noch tun sollte. Da erinnerte er sich, dass sich nur unweit von Madras entfernt, in Mylapore, die Mission des berühmten spirituellen Meisters Sri Ramakrishna befindet, die von einem seiner Schüler, Swami Ramakrishnananda, dort nach seinem Tod gegründet worden war. Chinmoy entschied sich dorthin zu gehen, um für sein wichtiges Anliegen zu beten.
Als Chinmoy in Mylapore eintraf war es bereits dunkel. Die Anhänger Sri Ramakrishnas waren bereits in ihre Abendgebete und Meditationen vertieft. Chinmoy betrat den Raum und stellte sich mit gefalteten Händen vor das Portrait Sarada Devis, der Ehefrau und spirituellen Begleitern Sri Ramakrishnas. Er bat sie aus den Tiefen seines Herzens: "Mutter, bitte helfe mir. Ich bekomme den P-Vordruck nicht. Ich werde nicht dazu in der Lage sein, nach Amerika zu gehen. Bitte rette mich!" Auf einmal sah Chinmoy Sarada Devis lebende Präsenz. Sie sprach: "Morgen wirst du ihn bekommen." Chinmoy war verwirrt und erwiderte: "Mutter, morgen ist Samstag, an Samstagen ist das Büro geschlossen." Doch Sarada Devi wiederholte ihre Aussage mit Nachdruck: "Nein, nein, gehe hin."
Am nächsten Morgen ging Chinmoy in Richtung des Ausweisbüros. Er war ungefähr elf Uhr am Vormittag. Chinmoy hatte nicht die geringste Vorahnung, was wohl geschehen würde. Das Einzige was ihn anspornte, war sein tiefes Vertrauen in die göttliche Mutter Sarada Devi. Von der Straße aus sah er, dass die Tür geschlossen war. Alles schien verschlossen zu sein. Doch trotzdem schritt er langsam und bedächtig eine Treppe hinauf, die ins Ausweisbüro führte. Plötzlich und unerwartet erblickte Chinmoy eine junge Frau, die gerade die Tür öffnete. Sie fragte: "Sind Sie Herr Ghose?" Chinmoy antwortete überrascht mit ja. "Hier ist Ihr P-Vordruck sowie ihr Reisepass." Sie überreichte dem völlig erstaunten Chinmoy beide Papiere. Danach zog sie die Tür wieder hinter sich zu und riegelte sie von innen ab. Chinmoys Augen füllten sich mit Tränen. Durch die Gnade Sarada Devis war es ihm nun doch noch ermöglicht worden, nach Amerika aufzubrechen. Am 13. April 1964 sollte er den Flughafen von New York City erreichen, seiner neuen Heimat.
