Im Sri Aurobindo Ashram

Chinmoy war nun im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry angekommen. Eine aufregende und faszinierende Kindheit lag hinter ihm. Eine Kindheit, wie sie vielleicht nur wenigen Menschen zuteil wird. So vieles hatte er mit seinen Eltern und Geschwistern erlebt. So viele Erfahrungen hatte er gemacht. Und, nicht zuletzt, eine Reihe von lebensbedrohenden Gefahren wie Krankheiten, Unfälle und Begegnungen mit wilden Tieren heil überstanden. Doch nun begann etwas vollkommen Neues im Leben des zwölfjährigen Chinmoy. Denn jetzt da beide Elternteile gestorben waren und ihn und seine Geschwister schon früh zu Vollwaisen hatten werden lassen, machte die Mutter des Ashrams, Mira Alfassa, ihr Versprechen wahr und nahm die ganze Familie Ghose in ihrer großen spirituellen Gemeinschaft auf.
Es war die Zeit des Frühlingsbeginns gegen Ende des Monats März im Jahr 1944 als Chinmoy und seine Geschwister Hriday, Mantu und Ahana die Schwelle des Ashrams überschritten. Dort trafen sie wieder mit Chitta und Lily zusammen, die bereits einige Zeit im Ashram lebten. Niemand, außer vielleicht Hriday, der ja schon einige Jahre in Pondicherry zugebracht hatte, wusste, was sie hier erwarten würde. Aber eines war sicher: Ab jenem Moment, ab dem sie die Türschwelle des Sri Aurobindo Ashrams überschritten hatten, war ihrem Leben eine gänzlich neue Richtung gegeben worden. Es war wie ein Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft.

Die Schulzeit im Ashram beginnt

Zu jener Zeit wurde es nur sehr wenigen Kindern erlaubt, im Ashram zu leben. Aus diesem Grund hatte Chitta für seinen jüngsten Bruder Chinmoy bei der Mutter Mira Alfassa eine Sondergenehmigung beantragt, der auch prompt stattgegeben wurde. Im Jahr 1944 handelte es sich dabei insgesamt nur um eine Handvoll Kinder, weshalb die Mutter extra für sie Unterrichtsstunden anberaumt hatte. Und zwar in den Fächern Französisch, Bengali, Englisch, Mathematik, Geschichte und einigen anderen. Der Unterricht wurde teilweise von hoch qualifiziertem Personal gegeben, da sich im Ashram etliche ehemalige Doktoren und Professoren befanden, die diese Aufgabe nun freudig übernahmen.
Bevor der tägliche Unterricht begann war es üblich, dass alle Schüler aufstanden und gemeinsam, mit gefalteten Händen, ein Gebet aufsagten. Dieses Gebet war von Sri Aurobindo selbst verfasst worden und ursprünglich für ein Mitglied des Ashrams mit dem Namen Mridu bestimmt gewesen.
Chinmoy war ein sehr guter Schüler. Darüber hinaus besaß er eine wirklich schöne Handschrift. Sein einziger Schwachpunkt war das Fach Mathematik, mit dem er etwas auf "Kriegsfuß" stand. Dies tat seinen übrigen tadellosen Leistungen jedoch nicht den geringsten Abbruch. Nach dem täglichen Schulunterricht wurden die Kinder regelmäßig dazu ermuntert, sich sportlich zu betätigen. Vor allem dazu Fußball und Volleyball zu spielen. Chinmoy nahm dieses Angebot mit großer Leidenschaft wahr.

Chinmoys erstes Zusammentreffen mit Sri Aurobindo

Darshan heißt soviel wie "die Schau besitzen". An jenen Tagen zeigte sich der große Meister und Namensgeber des Ashrams, Sri Aurobindo, seinen Schülern, Anhängern und Verehrern. Er tat dies gemeinsam mit der Mutter und Leiterin der großen spirituellen Gemeinschaft, Mira Alfassa. Viermal im Jahr gewährte Sri Aurobindo diese Gelegenheit. So wie auch am heutigen Tag.
Eine lange Warteschlange von Menschen hatte sich gebildet. Ein jeder von ihnen wartete sehnsüchtig auf die kurze aber überaus bedeutende Gelegenheit, den spirituellen Meister aus nächster Nähe sehen zu können und seine Segnungen zu empfangen - bevor nach wenigen Augenblicken ein Wächter bereits zum Weitergehen mahnte. Und alles geschah in absoluter Stille, ohne dass ein einziges Wort gesprochen worden wäre. Stumm warteten die Menschen, bis sie endlich an der Reihe waren. So ging es vorwärts, Schritt für Schritt, Person um Person. Wie viele mochten es wohl sein? Es war schwer zu sagen, aber einige Hundert waren es sicherlich. Und so wartete auch Chinmoy geduldig in der Reihe, die sich im langsamen Tempo weiter bewegte.

Es würde sein erstes Zusammentreffen mit dem großen spirituellen Meister Sri Aurobindo sein, dem Begründer eines modernen, integralen Yogaweges, der zum ersten Mal in der Geschichte der Spiritualität eine vollkommene Verwandlung der gesamten Erde anstrebte. Eine Verwandlung hin zum Göttlichen, sozusagen dem Himmel auf Erden. Und um sich dieser Vision zu nähern, war der ganze Mensch gefragt - seine innere Bereitschaft, genauso wie sein gesamtes äußeres Tun und Wirken. Aus diesem Grund spielten auch für einen Ashram ungewöhnlichere Dinge wie Kunst und Sport eine große Rolle.
Und endlich war es soweit! Als auch die letzte Person vor ihm ihren Segen empfangen hatte, erblickte Chinmoy die Mutter Mira Alfassa vor sich und links neben ihr sitzend - Sri Aurobindo. Noch herrschte absolute Stille, die nur durch das aufgeregte und erwartungsvolle Atmen einiger Ashramities unterbrochen wurde. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches. Als die Mutter des Ashrams Chinmoy aus dem Meer der Menschen plötzlich auftauchen sah, wandte sie sich an Sri Aurobindo und sagte zu ihm: "Hridays jüngster Bruder, Chinmoy." Jeder war erstaunt, denn es handelte sich um eine wirklich ungewöhnliche Situation. So etwas hatte die Mutter bisher eigentlich noch nie getan. Chinmoys und Sri Aurobindos Blicke trafen sich, trafen sich zum ersten Mal, bevor der lange Moment langsam zu Ende ging und Chinmoy wieder im Ozean der vielen Menschen verschwand.