Im Auge des Löwen

Mittlerweile war Chinmoy zehn Jahre alt. Die folgende Geschichte ereignete sich in dem kleinen Dorf von Kelishahar, wo ein Onkel Chinmoys lebte. Chinmoy liebte es sehr, sich in den Wäldern herumzutreiben, die nahe des kleinen Dorfes Kelishahar verliefen. Als er eines Tages um die Nachmittagszeit diese Wälder durchstreifte, schlug er sich mutig einen Weg durchs dichte Geäst, der ihn tiefer und immer tiefer hinein in dieses Meer von Bäumen führte. Die schöne Umgebung war eingewoben in eine Gebirgslandschaft, welche recht schwer zugänglich war. Chinmoy liebte eine Frucht namens Jujub, welche hier in großer Anzahl auf den Bäumen wuchs. Er kletterte deshalb einen dieser Bäume hinauf und aß nach Herzenslust. Als er jedoch wieder herab kam sah er etwas, was ihm wohl das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war nur etwa drei Meter entfernt und sah ihn an. Es handelte sich dabei um einen Berglöwen, der Chinmoy fest ins Visier genommen hatte!

Jedoch, und das war das eigentlich Erstaunliche, fühlte Chinmoy eine sanfte Ausstrahlung, die von diesem Berglöwen ausging. Keineswegs eine aggressive oder angriffslustige Haltung, wie sie wohl zu erwarten gewesen wäre. Darüber hinaus spiegelte sich in den Augen des Löwen das Angesicht von Chinmoys Mutter Yogamaya, die sich zu diesem Zeitpunkt zehn Kilometer entfernt in seinem Heimatdorf Shakpura befand.
Diese Erfahrung dauerte einige Minuten an. Da Chinmoy seine Mutter in den Augen des Löwen klar und deutlich vor sich sah, fühlte er keine Angst und es entfuhr ihm kein Schrei. Er war ruhig und gefasst. Je mehr er in die Augen des Löwen schaute, desto größer wurde das Gefühl der Zuneigung, welches von diesem ausging. Nach ungefähr fünf Minuten begann Chinmoy sich langsam, sehr langsam zurück zu ziehen. Dabei wendete er sich vom Löwen ab und schritt in die gewollte Richtung. Als er eine ausreichende Entfernung, etwa 400 Meter gegangen war, blickte sich der junge Chinmoy um. Jedoch es gab keine Anzeichen, dass der Berglöwe ihm folgen würde. Ab jetzt rannte er um sein Leben!

Chinmoy legte die Entfernung von einer Meile in kurzer Zeit zurück und schrie und rief um Hilfe: "Rettet mich! Rettet mich! Ich sah einen Löwen!" Als er schließlich am Haus seiner Tante angelangt war, durchschüttelte ihn Angst und Furcht. Die Tante hatte fast das Gefühl ihr Neffe sei dem Tode nah und entging nur knapp einer Ohnmacht. Einige Dorfbewohner sympathisierten mit dem Jungen, wohingegen andere ihn ausschimpften und sich lustig über ihn machten. Jedoch die Tante umarmte Chinmoy mit solch einer Zuneigung, als wäre ihr Neffe wirklich von einem Löwen getötet worden.

Obgleich Chinmoy sich bereits entschieden hatte, nach Hause zurück zu kehren, traf seine Mutter noch am gleichen Tag in Kelsihahar ein. In ihrem Mittagsschlaf hatte sie geträumt, dass ihr jüngster Sohn von einem Löwen angegriffen und getötet worden wäre. Zusammen mit einem Hausangestellten machte sie sich deshalb schnellstens auf den Weg zum Haus ihres Bruders, fast verrückt vor Trauer - in der verzweifelten Annahme, ihr Sohn sei gestorben.
Doch als sie Chinmoy lebendig vor sich sah, weinte Yogamaya vor Freude. Und mit ihr die besorgte und nur knapp der Ohnmacht entgangene Tante. Der Junge wurde in einem Meer von Tränen gebadet.

Die geheimen Kräfte des Vaters

Chinmoys Vater verfügte über verschiedene okkulte Kräfte. So konnte er zum Beispiel die genaue Anzahl von Kürbiskernsamen benennen, selbst wenn der Kürbis noch ungeerntet auf dem Feld stand. Darüber hinaus war er dazu in der Lage Kopfschmerzen zu heilen und besaß viele weitere ähnliche Kräfte. Der kleine Chinmoy war von den besonderen Fähigkeiten seines Vaters immer wieder aufs Neue begeistert. Daher bat er ihn des öfteren, ihm diese okkulten Kräfte zu lehren. Doch Shashi Kumar lehnte das Ansinnen seines kleinen Sohnes ein auf das andere Mal ab. "Aber als ich zehn Jahre alt war", so Sri Chinmoy, "regnete es okkulte Kräfte wie einen gewaltigen Regenschauer von oben auf mich herab."

1941 war ein schwieriges Jahr in der Weltgeschichte. Der 2. Weltkrieg war in vollem Gange. Aber auch 1942 konnte nicht wirklich als positiv bezeichnet werden. Und dies nicht nur weltgeschichtlich betrachtet. Nein, auch unsere Familie Ghose hatte schwierige Zeiten zu überstehen. Hauptsächlicher Grund war die schwere Krankheit des Familienoberhauptes Shashi Kumar, der daher schon seit längerem kaum mehr das Bett verlassen konnte. Aus diesem Grund konnte niemand dafür Verständnis aufbringen, als eines Tages ein kranker Muslime um die Hilfe Shashi Kumars bat.

Und keineswegs war dieser Mann in irgendeiner Weise mit dem im Sterben liegenden Vater von Chinmoy verwandt! Das einzige was der Muslime wusste war, dass Shashi Kumar über besondere okkulte Kräfte verfügte, welche das Stück Knochen in seinem Hals vielleicht lösen könnten. Knochenreste, die er unabsichtlich während des Essens verschluckt hatte und jetzt im Schlund festsaßen. Und das schon seit Tagen. Der Muslime schrie und weinte deshalb in Todesangst und machte einen abgemagerten und bemitleidenswerten Eindruck. Auch konnte wohl nur noch eine schwierige und riskante Operation seinen Zustand verbessern.
Jedoch Shashi Kumar war seinerseits schwerkrank und dem Tod nahe. Wie konnte dieser Mann es daher wagen, ihn zu belästigen? Und zudem, würde Shashi Kumar in seinem Zustand überhaupt noch über jene geheimen Kräfte verfügen? Und wenn ja, sollte er wirklich seine Fähigkeiten für einen Muslime nutzen, wo doch jedermann wusste, dass das Verhältnis zwischen den Religionen des Hinduismus und jener des Islam schon seit vielen Jahren, ja, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten äußerst angespannt war?

Doch Shashi Kumar sah dies vollkommen anders! Im Gegenteil, er wollte dem leidenden Muslime unbedingt helfen und ließ ihn daher bitten, sich im Vorhof der Familie Ghose auf den Rücken zu legen. Sichtkontakt war nicht notwendig. Nun rieb sich Shashi Kumar drei- oder viermal am Hals, atmete einige Male tief durch und hustete abschließend. Danach sagte er: "Geht und schaut!" Und tatsächlich, der Knochen im Hals des Muslime war verschwunden. Der Mann schrie vor Freude und wollte seinen Wohltäter dafür belohnen und ihm Geld anbieten. Doch Shashi Kumar lehnte das Angebot ab.

Dieses war die letzte gute Tat, die Shashi Kumar Ghose in seinem Leben vollbrachte. Weder kannte er den Mann, noch hatte er ihn jemals zuvor gesehen. Und auch verwandtschaftliche oder gar religiöse Berührungspunkte waren nicht gegeben, eher im Gegenteil. Seine Hilfe entsprang daher alleinig seinem gütigen Wesen und einer bedingungslosen Liebe zu allen Mitmenschen. Shashi Kumar war, in der Tat, eine Person, welche Mitgefühl, Achtung und Toleranz verinnerlicht hatte - bis an sein Totenbett. Zwei oder drei Tage darauf starb er an einem Leberleiden. Shashi Kumar Ghose wurde 62 Jahre alt.