- In Indien
- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
- Rad oder nicht Rad
- Entdeckte Talente
- Im Auge des Löwen
- Schwere Zeit für Chinmoy
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- Chinmoy und das Buch des Lebens
- Chinmoys Talente
- Ravi Shankar und Indiens Unabhängigkeit
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Entdeckte Talente
Es war die fürsorgliche Schwester Ahana, welche die poetische und musikalische Ader in ihrem jüngsten Bruder entdeckte. Dazu Sri Chinmoy: "Meine erste Singlehrerin war meine Schwester Ahana. Sie begann damit als ich vier oder fünf Jahre alt war. Sie lehrte mich viele bengalische Lieder und inspirierte mich in meinem Gesang." So kam es zu folgender amüsanten Begebenheit:
Als der siebenjährige Madal einmal auf seine Familie wütend war, sich in sein Bett flüchtete und sogar das Abendessen ablehnte, begab sich die ältere Schwester Ahana zu ihm und begann damit ihm seine Lieblingslieder vorzusingen. Dadurch wollte sie ihren schmollenden Bruder wieder etwas besänftigen. Dieser jedoch blieb stumm und stellte sich schlafend. Da sagte Ahana: "Wie seltsam! Ich dachte, du seist auch ein Sänger und trotzdem singst du nicht mir mit. Wirkliche Sänger können sogar im Schlaf singen!" Daher sang sie einfach weiter bis ihr Bruder schließlich damit begann, sie dabei zu begleiten. Die listige Schwester hatte gewonnen! Triumphierend schnappte sie sich Chinmoy und trug ihn zum Essen in die Küche.
Im gleichen Lebensjahr führte Ahana ihren Bruder auch in die Welt der Dichtung ein. Sie erzählte ihm vom berühmten indischen Poeten Rabindranath Tagore und dessen Ehrung mit dem Literatur-Nobelpreis im Jahr 1913 für sein Werk "Gitanjali". Ahana war sehr stolz auf diese Ehrung, die einem Landsmann zu Teil geworden war. Daher fasste der kleine Chinmoy den Entschluss, selbst einmal diesen bedeutenden Preis für seine dichterischen Werke zu erhalten. Unglücklicherweise wusste er jedoch momentan noch nicht, was ein Gedicht überhaupt war! Aus diesem Grund erklärte ihm Ahana, dass Gedichte sich aus reimenden Worten zusammen setzten. "Ah, dass ist einfach", sagte ihr Bruder im Brustton der Überzeugung und ergänzte: "Phal! Jal!", die bengalischen Worte für Früchte und Wasser. "Und so", sagte Sri Chinmoy, "wurde aus mir ein Dichter." Und über hunderttausend Gedichte sollten folgen.
Chinmoy auf des Messers Schneide
Ja, irgendwie wollte das schwierige siebte Lebensjahr nicht zu Ende gehen. Noch einmal würden sich dunkle Wolken über dem kleinen Chinmoy zusammen ziehen, die ihn in eine sehr gefährliche Situation bringen sollten. Eine Situation zwischen Leben und Tod. Und dabei hatte doch alles so schön und festlich begonnen! Aber manchmal sind Freude und Leid ganz nah beieinander und es benötigt nur einen Wimpernschlag, um das Pendel des Schicksals in die eine oder andere Richtung ausschlagen zu lassen. So wie an heutigem Tag!
Alles war feierlich geschmückt, denn es handelte sich um einen sehr festlichen Anlass. Einem Anlass, welcher ganz im Zeichen von Kali stand, einem wichtigen Aspekt der großen Göttlichen Mutter und gleichzeitig auch die Schutzgöttin der Familie Ghose. Zu diesem Zweck war deshalb ein Priester geladen worden, der einige rituelle Handlungen ausführen sollte.
Bei einigen dieser Handlungen handelte es sich um bestimmte Opferweihen, wie zum Beispiel der Zerteilung von Früchten durch den Priester, die danach von ihm in Richtung der Schaulustigen geworfen wurden. Diese hatten sich in großer Anzahl um die Opferstätte versammelt. Um das Ritual erfolgreich abzuschließen, musste der Priester die jeweiligen Früchte mit einem einzigen Hieb seines scharfen Beiles in zwei Stücke teilen. Sollte dies nicht gelingen, so der Glaube, würden die Familie, in dessen Namen das Opferritual ausgeführt wurde, dämonische Kräfte befallen.
Alles wartete nun gespannt auf den Priester und die Ausführung seiner heiligen Handlung. Einige von Chinmoys Freunden waren leise und unaufdringlich in Position gegangen, um in die richtige Flugrichtung der Frucht zu gelangen, welche der Priester jeden Moment zerteilen und in die Menge werfen würde. Es handelte sich dabei um eine Art Ananas, die zwar einen großen Strunk, aber auch über sehr wohlschmeckendes Fruchtfleisch verfügte.
Der Priester griff nach dem scharfen Beil, nahm es in beide Hände und schwang es hinter seinen Kopf, um einen besseren Winkel und eine stärkere Aufschlagkraft zu erzielen. In jenem Moment als der Priester das Beil gerade herunterfallen lassen wollte, geschah es! Der junge Chinmoy sprang genau in Richtung der zu opfernden Frucht, die auf einer dafür vorgesehenen Vorrichtung lag! Panik brach unter den Zuschauern aus. Und obwohl der Priester bereits Schwung geholt hatte, konnte er inmitten seiner Bewegung noch rechtzeitig anhalten. Chinmoy war um Haaresbreite mit dem Leben davon gekommen!
Sein Vater Shashi Kumar kam in einer gefassten und ruhigen Art auf seinen Sohn zu und umschlang ihn mit beiden Armen. Man konnte keine Ängstlichkeit oder Sorge in seinem Gesicht erkennen. Das Einzige, was zu sehen war, war eine in sich gekehrte, stille Freude. Shashi Kumar war sich völlig darüber im Klaren, dass Chinmoy nur um winzige Zentimeter dem Tod entgangen war. Einem sicheren Tod, wäre der Priester nicht in der Lage gewesen, seine heilige Handlung noch rechtzeitig zu unterbrechen.
Aus diesem Grund nahm Shashi Kumar den Priester beiseite und sagte zu ihm: "Du hast das Leben meines Sohnes gerettet. Was auch immer du als Belohnung möchtest, werde ich dir geben - Geld, Reichtum oder auch andere Dinge. Ich werde sie dir hier und jetzt geben." Doch der Priester, immer noch angespannt von dieser schlimmen Erfahrung, erwiderte nur: "Belohnung! Welche Belohnung? Ich habe den liebsten Sohn meines Fürsprechers gerettet! Welch größere Freude könnte es auf Erden geben, als den jüngsten Sohn meines hoch verehrten Mentors zu retten!"
Spazieren geht über studieren
Der kleine Chinmoy ging mittlerweile schon ein oder zwei Jahre zur Schule. Nur mit der Lernbegeisterung haperte es noch ein wenig. Viel lieber zog es ihn in die Großstadt Chittagong, um dort seinen Tanten einen Besuch abzustatten. Die Eltern waren von dieser Einstellung ihres Sohnes verständlicherweise nicht unbedingt angetan. Doch Chinmoy fand immer wieder Mittel und Wege, um eine vergnügliche Zeit in der Stadt, dem, wie er fand, ödem Schuldasein vorzuziehen. Dazu hatte er sich eine List überlegt, die folgendermaßen funktionierte:Jedesmal bevor Chinmoys Vater Shashi Kumar Richtung Chittagong aufbrach, um dort die Arbeitswoche in seiner Bank zu verbringen, besuchte er einen kleinen Tempel zu Ehren der Göttin Lakshmi. Bei dieser Göttin handelte es sich um die Schutzpatronin seines Geldinstitutes, dem er deshalb auch den Namen "Haus von Lakshmi" gegeben hatte. Chinmoy und sein Bruder Mantu wurden ganz in der Nähe des Tempels von einem Nachhilfelehrer unterrichtet. Aus diesem Grund konnte Chinmoy jedesmal beobachten, wenn der Vater Richtung Stadt aufbrach, um die Fähre über den mächtigen Karnaphuli-Fluss zu erreichen.
Chinmoy folgte ihm regelmäßig, wobei er seinen Vater zuerst eine Weile beobachtete und ihm dann einfach nachrannte. Es wollte es natürlich heimlich tun, aber Mantu und der Nachhilfelehrer riefen ihm stets hinterher und daher flog sein Manöver in schöner Regelmäßigkeit auf.
Der Vater sagte dazu normalerweise, wenn er seinen weinenden Sohn nun vor sich stehen sah, welcher es ablehnte weiterhin in die Schule zu gehen: "Wie könnte ich dich immer mitnehmen? Du musst in die Schule gehen!" Der gleichen Ansicht war auch Mutter Yogamaya, die von Mantu unverzüglich über das Verhalten Chinmoys unterrichtetet worden war. Sie wusste jedoch, dass es sich hierbei um einen hoffnungslosen Fall handelte. Deshalb wies sie einen Hausangestellten an, etwas zum Anziehen für ihren Jüngsten zu besorgen, da dieser nur mit kurzen Hosen und einem Hemd bekleidet war.
Diesen Trick benutzte der kleine Chinmoy viele Male, um dem ungeliebten Lernen zu entgehen. In der Großstadt Chittagong angekommen, streunte er ein bisschen herum. Chinmoy war dermaßen fasziniert von den dortigen kleinen Gaunern, dass er sie des öfteren bei Gericht beobachtete. Darüber hinaus hatte er eine besondere Vorliebe für den großen Karnaphuli-Fluss sowie die Boote und Schiffe die darauf verkehrten.
Ein Bruder von Chinmoys Mutter Yogamaya lebte in Chittagong. Daher besuchte ihn der kleine Chinmoy sehr oft bei seinen zahlreichen Stippvisiten in der Großstadt. Aber auch schon alleine aus dem Grund, weil jener einen exzellenten Koch angestellt hatte, der aus den einfachsten Zutaten die schmackhaftesten Gerichte zubereiten konnte. Wollte Chinmoy jedoch länger als eine Woche bleiben, kam entweder seine Mutter selbst oder sie schickte einen Hausangestellten, um den geliebten Sohn zurück nach Shakpura zu bringen. Oft sogar, wenn Chinmoy eine seiner Tanten in der Stadt besuchte, erlaubte sie es ihm nicht einmal länger als zwei Tage zu bleiben. Er war ihr liebstes Kind und ohne ihn fühlte sie sich sehr schlecht.
Jedoch der kleine Chinmoy fing immer an zu weinen, wenn er zurück nach Hause musste. Obwohl er sehr an seiner Mutter hing, wollte er nicht wieder zur Schule gehen. Denn lernen mochte er nicht im Geringsten.
