- In Indien
- Sri Chinmoys Geburt
- Die Zukunft hat begonnen
- Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
- Der Wissensdurst des kleinen Chinmoy
- Wie aus Madal Chinmoy wurde
- Rad oder nicht Rad
- Entdeckte Talente
- Im Auge des Löwen
- Schwere Zeit für Chinmoy
- Traumvisionen
- Im Sri Aurobindo Ashram
- Chinmoy und das Buch des Lebens
- Chinmoys Talente
- Ravi Shankar und Indiens Unabhängigkeit
- Sri Aurobindos Tod
- Ashramleben
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Die Zukunft hat begonnen
Es waren schwierige Zeiten. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihre tiefen Spuren in den Gesichtern der Menschen hinterlassen. Ein dunkler Stern ging langsam aber stetig am weiten Firmament auf, der seinen Ursprung im Herzen Europas, im Deutschland der frühen 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts hatte. Doch vielleicht wusste unsere Familie Ghose nichts von alledem. Zumindest hatte sie ihre eigenen Sorgen. Das momentan größte Problem war der überraschende Auszug des ältesten Sohnes Hridays, der gerade die Prüfungen der Chittagonger Universität bestanden hatte und äußerst vertraut war mit der gesamten indischen Philosophie und Spiritualität sowie mit täglichem Gebet und Meditation. Wohl nicht zuletzt aus letzteren Gründen hatte es Hriday daher in den Ashram, eine Art östliches Kloster, des spirituellen Meisters Sri Aurobindo in Pondicherry verschlagen - etwa 1600 Kilometer südlich von Shakpura entfernt. Und damit nicht genug! Hals über Kopf, in einer Nacht- und Nebelaktion, hatte Hriday die elterlichen Gefilde verlassen, was diese wiederum zu einer detektivischen Glanzleistung veranlasste. Zumindest hatte das Elternhaus in der kurzen Zeitspanne von nur etwa zwei Wochen bereits den neuen Aufenthaltsort ihres Ältesten heraus gefunden.
Vater und Mutter waren über dieses Verhalten verständlicherweise zutiefst bestürzt und schockiert. Deshalb wollte Yogamaya auch unbedingt in den Ashram reisen, um ihren ältesten Sohn nach Hause zurück zu holen. Ihr Mann Shashi Kumar jedoch verweigerte sich dieser Absicht. Auch war er nicht gewillt, die weite Reise anzutreten. Statt dessen sagte er in einem Ton äußerster Verärgerung: "Er soll uns ruhig verlassen. Ich brauche ihn nicht. Ich will ihn nicht."
Aber so leicht ließ sich die besorgte Mutter nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Statt dessen begann sie zu fasten. Sie fastete einen Tag, eineinhalb Tage - und das war bereits genug! Der besorgte Ehemann Shashi Kumar beeilte sich, dem Herzensanliegen seiner lieben Frau Yogamaya zuzustimmen. Und nicht zuletzt war er schließlich auch leitender Bahnangestellter. Das bedeutete einige angenehme Vergünstigungen, womit einer abenteuerlichen Reise nun wirklich nichts mehr im Wege stand. Einer Reise, die über die unendlich scheinenden Weiten des indischen Schienenstrangs führen sollte.
Abenteuerliche Reise nach Pondicherry
Die ganze Familie hatte sich auf den Weg ins ferne Pondicherry gemacht. Da der Vater Shashi Kumar, wie bereits erwähnt, als Oberinspektor der Assam-Bengalischen-Bahnlinie über eine Reihe von Vergünstigungen verfügte, konnte er unter anderem auch insgesamt 13 Personen ohne irgendwelche Unkosten gratis mitnehmen. Es war eine äußerst interessante und aufregende Reise, die sich fast über den gesamten Südwesten des riesigen indischen Subkontinentes erstreckte. Die Fahrt dauerte mehrere Tage und Nächte, bis schließlich der Zielort Pondicherry erreicht wurde.
Die Mutter Yogamaya war überglücklich ihren ältesten Sohn wieder zu sehen, was jedoch nur bedingt auf Gegenliebe stieß. Denn Hriday war sich natürlich im Klaren darüber, weshalb seine Mutter die weite Reise auf sich genommen hatte. Doch zuvor bestand für unsere Familie Ghose die Gelegenheit die "Mutter" des Ashrams, Mira Alfassa zu sehen und mit ihr gemeinsam zu meditieren. Mira Alfassa war die Leiterin der spirituellen Gemeinschaft, da sich der Namensgeber des Ashrams und Meditationsmeister Sri Aurobindo schon viele Jahre in Abgeschiedenheit befand.
Zumindest, muss an dieser Stelle einschränkend gesagt werden, bestand die Möglichkeit der gemeinsamen Meditation für alle Erwachsenen und Kinder, die das siebte Lebensjahr bereits erreicht hatten. Leider traf dies auf den kleinen Madal jedoch noch nicht zu, der mit nur etwas über einem Jahr sowieso der Jüngste der Familie war. Auch hatte er die Angewohnheit, lange und heftig zu schreien, was natürlich der meditativen Atmosphäre etwas abträglich war. Aus diesem Grund nahm einer seiner Vettern das Opfer auf sich, ihn während der öffentlichen Meditationen im Ashram zu betreuen, so das Yogamaya die "Mutter" Mira Alfassa sehen konnte.
Yogamaya begegnet der "Mutter", Mira Alfassa
Yogamaya Ghose sprach kein Wort Englisch. Glücklicherweise war aber einer ihrer Töchter mit dieser fremden Sprache bestens vertraut. Während des Gesprächs mit der "Mutter" Mira Alfassa stand jene Tochter deshalb hinter Yogamaya und übersetzte vom Bengalischen ins Englische und umgekehrt. Noch anwesend war der Sekretär des Ashrams Nolini Kanta Gupta, der gleichzeitig auch ein bedeutender bengalischer Schriftsteller und Poet war.
Yogamaya sagte zur "Mutter": "Ich bin Euch so dankbar, Göttliche Mutter, dass Ihr die Verantwortung für meinen ältesten Sohn übernommen habt. Er sitzt jetzt Euch zu Füßen. Nun bete ich zu Euch, auch alle meine anderen Kinder aufzunehmen. Sie sind noch recht jung, jedoch wenn sie erwachsen sind, bitte versprecht mir, dass Ihr die volle Verantwortung für sie übernehmen werdet. Genauso wie Ihr nun meinen ältesten Sohn Eurem Schutz und Eurer Führung anvertraut habt." Die "Mutter" des Ashrams, Mira Alfassa, antwortete unverzüglich: "Ja, sie sind alle mein Eigen."
So amüsant kann also manchmal das Leben sein! Hatte Yogamaya nicht den beschwerlichen und langen Weg vom fernen Shakpura auf sich genommen, mit der alleinigen Absicht ihren geliebten, ältesten Sohn Hriday nach Hause zurück zu holen? Und nun bat sie statt dessen die "Mutter" des Ashrams, sich mit der Zeit aller ihrer Kinder anzunehmen! Doch so ist es manchmal wenn der Verstand etwas ganz Bestimmtes beabsichtigt, das Herz aber im geeigneten Moment interveniert. Und jeder in der Familie freute sich darüber und war zutiefst bewegt. Sogar den Vater Shashi Kumar beeindruckte die tiefe Hingabe seiner Frau zur "Göttlichen Mutter". Und die "Göttliche Mutter" hielt ihr Versprechen... .
Aber wir wollen an dieser Stelle der Geschichte nicht vorgreifen. Denn zuerst einmal trat die Familie Ghose glücklich und zufrieden den Heimweg an. Und zwar mit der Gewissheit, dass der älteste Sohn Hriday in besten Händen war. Einer Reise, die jetzt umso schöner war, hatte man doch den Duft der weiten Welt verspürt und eine große Heilige aus nächster Nähe beobachten können. Ja, sogar die große Gelegenheit gehabt, mir ihr ein paar Worte zu wechseln und somit ihren Segen doppelt zu empfangen. Aber nun begann wieder der ganz normale Alltag. Doch so normal war er nun eigentlich auch wieder nicht! Schließlich hatte man jetzt einen kleinen Sohn, der nur so vor Lebendigkeit sprühte und besonders seiner Mutter so manches abverlangte. Wie zum Beispiel... .
