Der unermessliche Wissensdurst des kleinen Chinmoy

Mittlerweile war unser Madal vier Jahre alt geworden. Und seine Neugierde kannte keine Grenzen. Er wollte immer alles wissen. Fragen über Fragen stellte er jedem, der ihm über den Weg lief. Seine Mutter pflegte deshalb stets zu sagen: "Wenn du älter wirst, wirst du alles wissen und alle Antworten kennen." Und auch Madals Vater musste sich stets mit den neugierigen Fragen seines kleines Sohnes auseinandersetzen. Wie zum Beispiel die Suche nach den Namen aller Vorfahren der Familie Ghose, angefangen mit dem Großvater über den Ur-Großvater bis hin zum Ur-Ur-Großvater. An dieser Stelle musste selbst der sehr gelehrte Vater Shashi Kumar die Segel streichen und ein wenig resigniert zugeben: "Ich weiß es nicht. Wie sollte ich dies alles wissen?" Aber Madal erwiderte selbstbewusst: "Wie kann es sein, dass du dich nicht an den Namen deines Ur-Großvaters erinnerst? Das bedeutet, dein Vater hatte keinen Großvater." Darauf sagte Shashi Kumar, nun endgültig kapitulierend: "Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Wie sollte ich mich nur daran erinnern?" Aber Madal meinte nur: "Ich kann es nicht glauben! Wie kann es dir möglich sein es n i c h t zu wissen? Wenn ich älter bin, werde ich alles wissen!" Darauf erwiderte sein Vater rasch und wohl auch mit der Hoffnung, dass das anstrengende Fragespiel seines Sohnes nun vielleicht doch an seinem Ende angekommen war: "Du wirst mit Sicherheit alles wissen."

Um diesen großen Wissensdurst ihres kleinen Bruders zu stillen, begann Madals älteste Schwester Arpita ihm das Alphabet beizubringen. Sie bemerkte jedoch recht schnell, dass sein diesbezügliches Interesse dann doch etwas unterentwickelt war. Also fing sie alternativ damit an, ihm das Alphabet der indischen Besatzer, der Engländer zu lehren. Ein Unterfangen, welches bei ihrem Bruder auf sehr große Gegenliebe stieß, jedoch die Mutter Yogamaya auf den Plan rief, die davon keineswegs begeistert war. Ihrer Ansicht nach sollte ihr liebster Sohn seine Muttersprache zuerst lernen. Zudem hatte sie nicht das geringste Interesse an diesen fremdartig klingenden Lauten, wenn auch ihr Mann Shashi Kumar sehr gut Englisch sprach und seine direkten Vorgesetzten alles Engländer waren. Und wer hätte damals auch schon ahnen können, dass ihr kleiner Sohn einmal zum Schriftsteller heranreifen und die meisten seiner Bücher in der englischen Sprache verfassen würde? "Doch Gott", so Sri Chinmoy später, "gab meiner Schwester eine innere Eingebung."

Im Angesicht des Todes

Noch im selben Lebensjahr wurde Madal von der schwersten Form der Pocken heimgesucht, die man sich nur vorstellen kann. In kürzester Zeit waren seine Augen, Ohren, Nase und bald sein ganzes Gesicht befallen. Nach Meinung des Arztes war es nur noch eine Frage von wenigen Wochen, bis entweder der Tod eintreten oder der kleine Madal zumindest erblinden oder taub werden würde. Der Fall war sehr, sehr kritisch, beinahe hoffnungslos. Jedoch in dieser schweren Stunde zeigte sich Yogamayas Vertrauen in das Göttliche. Denn sie erwiderte auf die düsteren Prophezeiungen des Doktors mit einem Tonfall der inneren Überzeugung: "Gottes Segen und meine Gebete werden es nicht erlauben, dass mein jüngster Sohn stirbt oder blind oder taub wird." Aber die Ärzte waren vollkommen von Madals unabdingbarem Schicksal überzeugt. Daher meinten sie nur: "Wir wollen nicht, dass Euer Sohn stirbt. Jedoch wird er sterben. Unsere Medizin kann nichts ausrichten."

Aber Madals Mutter nahm die Herausforderung an. Sie begann damit, das Gesicht ihres lieben Sohnes mit Kokosnusswasser zu waschen. Gleichzeitig betete sie mit tiefer innerer Überzeugung und einem festen Glauben für die Heilung des Jüngsten in der Familie.
Aber trotzdem wurde die Situation Tag für Tag kritischer. Sogar der Priester war zu der Überzeugung gelangt, dass der kleine Madal nicht überleben würde. Eines Nachts hatte dieser Priester einen Traum. In diesem Traum sah er den Tod des jungen Patienten klar und deutlich vor sich. Von jener bösen Vorahnung aufgeschreckt rannte er unverzüglich zum Haus der Familie Ghose und klopfte aufgeregt an die Tür. Es war bereits weit nach Mitternacht. Aber trotzdem öffnete Yogamaya das Tor. Der Priester stürmte geradewegs an ihr vorbei in Richtung Kinderzimmer. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Madals Situation fast aussichtslos verschlimmert gehabt. Jedoch plötzlich erwachte er, wohl aufgeweckt durch den späten Besuch, und stieß einen äußerst lebendigen Schrei aus. Als er diesen gesunden Schrei hörte und bemerkte, dass er sich geirrt hatte, schlug sich der Priester mit seinen Fäusten auf die Brust und rief in einem Tonfall des freudigen Entsetzens: "O Gott, du hast mich getäuscht. Jedoch ist mein Herz überwältigt mit Freude und Dankbarkeit ob Deiner Täuschung." Doch Yogamaya sagte nur milde lächelnd, nachdem ihr der Priester von seinem bösen Traum erzählt hatte: "Ehrwürdiger Herr, meine Gebete sind unendlich kraftvoller, als die Krankheit der Pocken eines Kindes."

Und tatsächlich, von diesem Zeitpunkt an verbesserte sich der Zustand Madals. Sri Chinmoy erinnert sich: "Ihre Gebete und das Kokosnusswasser retteten mich. Ich bin nicht tot, ich bin nicht blind oder taub. Ich mag einige Narben auf meinem Gesicht haben, aber der Fall wäre unendlich schwerwiegender gewesen, hätten die Pocken mich nicht verlassen. Ich wurde alleinig durch die Gebete meiner Mutter zu Gott geheilt, sowie ihrer tiefen Beziehung und Zuneigung zu mir. Sie rettete mein Leben."

Das war Madals Mutter Yogamaya. Sie hatte nicht viel Vertrauen in Ärzte, jedoch umso mehr in ihre Gebete. Sobald jemand in der Familie krank wurde, ging sie deshalb in den Tempel um zu beten. Und obwohl Yogamaya sich immer sehr große Sorgen machte, war sie der festen Überzeugung, dass Medizin nicht helfen könne. Daher überließ sie es anderen Mitgliedern der Familie, nach dem Arzt zu rufen und den jeweiligen Patienten zu betreuen. Ihre innere Betreuung war das Gebet sowie ein unerschütterliches Vertrauen in die göttliche Kraft.

Wie spät ist es?

Madal hatte ein Kindheitshobby. Obwohl er noch sehr klein war und die Uhr nicht richtig lesen konnte, wusste er immer die richtige Uhrzeit, ohne die Anzeigetafel überhaupt zu sehen. Oft befand sich die Uhr sogar im Nebenraum, was jedoch seinem ungewöhnlichen Können nicht im Geringsten im Wege stand. Er irrte sich nie. Diese Fähigkeit ihres Jüngsten schenkte allen Mitgliedern der Familie Ghose große Freude.
Außerdem war Madal überaus zart von Natur und hegte zu den meisten Menschen eine große Zuneigung. Deshalb wurde er nicht nur von seinen Eltern und Geschwistern, sondern auch von allen sonstigen Verwandten und Nachbarn sehr bewundert. Und nicht zuletzt waren da natürlich auch seine Lebhaftigkeit, schelmischen Späße und Streiche, die immer dafür sorgten, dass der kleine Madal nicht in Vergessenheit geriet.
Darüber hinaus besaß Madal eine stark ausgeprägte Vorstellungskraft und einen unübersehbaren Hang zum Transzendenten. So sagte er eines Tages zu seinem Bruder Chitta in einem Tonfall großer Bestimmtheit, dass er in den Himmel fliegen werde. "Wie?", fragte jener erstaunt und vielleicht auch etwas ungläubig. Madal erwiderte: "Das kann ich nicht beantworten, jedoch werde ich mit Sicherheit dorthin fliegen, weil ich mit dem Mond und den Sternen spielen möchte. Und auf meiner Heimreise, werde ich einige Sterne pflücken und sie mitbringen."

Das Theaterstück

So war also Spiritualität fest im Wesen der Familie Ghose verankert. Und auch die folgende Geschichte dient in diesem Zusammenhang als schönes Beispiel:
Eines Tages besuchte Chitta zusammen mit seiner Mutter ein Theaterstück, welches das Leben des berühmten bengalischen Meisters Sri Chaitanya thematisierte. In einer bewegenden Szene des Stücks brach Sri Chaitanyas Mutter in Tränen aus, weil ihr Sohn ein Gelübde abgelegt hatte, der Welt zu entsagen und das spirituelle Leben bedingungslos anzunehmen. Und auch Yogamaya kamen bei dieser Szene die Tränen. Deshalb versuchte Chitta sie zu trösten und sagte zu ihr: "Mutter, weine nicht! Sri Chaitanya war seiner Mutter gegenüber ungehorsam, jedoch wir werden dies niemals sein. Wir werden immer bei dir bleiben, sei unbesorgt." Doch Chitta hatte die Situation vollkommen falsch eingeschätzt! Denn zu seiner grenzenlosen Verwunderung protestierte seine Mutter gegen diese vermeintlichen Tröstungsversuche und erwiderte: "Aber du verstehst überhaupt nicht, weshalb ich weine. Ich weine, weil ich mir wünsche, dass alle meine Kinder, sowohl Jungen wie auch Mädchen, diesem Weg einmal folgen werden. Ich möchte, dass ein jeder von ihnen die Fähigkeit erlangt, Gott in diesem Leben zu erkennen!"