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Der Traum von Chinmoys Bruders Chitta
Madal entwickelte über die Jahre ein sehr, sehr enges Verhältnis zu seinem Bruder Chitta. Zudem übernahm Chitta mit der Zeit Aufgaben des Vaters, da er nach dem nun im Ashram weilenden Hriday das älteste Familienmitglied war. Er wurde sozusagen dessen rechte Hand und fungierte gleichzeitig als Ansprechpartner für seine jüngeren Geschwister. Chitta war eine sehr hoch und weit entwickelte spirituelle Persönlichkeit. "In seiner zurückliegenden Inkarnation war er ein unmittelbarer Schüler Sri Ramakrishnas gewesen", so sagte sein jüngerer Bruder Sri Chinmoy später einmal.
Als Madal zwei Jahre alt war, hatte Chitta einen äußerst bedeutsamen Traum. In diesem Traum erschien ihm eine sehr leuchtende Gestalt und sagte: "Madal, der Jüngste und Beliebteste in deiner Familie, ist eine überaus hohe und große Seele. Ich übertrage dir die Verantwortung, ihm zu dienen."
Chitta schreibt über diese tiefe Erfahrung in seinen Erinnerungen: "Dieser Befehl, den ich in meiner Vision erhielt, schenkte mir Freude jenseits meiner Vorstellungskraft. Am folgenden Tag, früh am Morgen, griff ich nach ihm, setzte ihn auf meine Schultern und nahm ihn mit zu unserer Mutter, um ihr von meinem Traum zu erzählen. Nachdem sie von meinem Traum erfahren hatte, schenkte sie mir ein zartes Lächeln. Und erwiderte darauf: "Von meinem zehnten oder elften Lebensjahr an, lange bevor ihr geboren ward, betete ich zu Gott, um mir Söhne wie Sri Krishna und Töchter gleich den Kosmischen Göttinnen zu gewähren, auf dass ich sie mein ganzes Leben lang lieben und ihnen dienen könnte."
Dazu Chitta: "Dies war unsere Mutter Yogamaya, Mutter der Zuneigung, Mutter des Mitgefühls und eines Einsseins-Herzens. Das Gebet meiner Mutter wurde von Gott gebilligt und Chinmoy kam in unsere Familie."
Böse Vorahnungen
Wir schreiben das Jahr 1934. Die Bewohner Deutschlands gerieten immer mehr in den Würgegriff eines der dunkelsten Regimes, das die Menschheit je gekannt hat. Wenn dies auch zum aktuellen Zeitpunkt wohl höchstens Eingeweihten in seinem vollen Umfang klar war. Im selben Zeitraum wurde das Schicksal unseres Madals von einer schrecklichen Horoskop-Vorhersage überschattet. Dazu Sri Chinmoy in seinen Erinnerungen: "Als ich drei Jahre alt war, wurde mein Horoskop vom Dorf-Astrologen erstellt. Darin sagte er voraus, das ich noch als Kleinkind im Wasser ertrinken würde. Jeder in der Familie war sehr schockiert und bestürzt. Meine Cousine Pushpita wollte deshalb Vorkehrungen treffen. Noch am selben Tag führte sie mich zum nächsten Teich." Doch zuvor musste sich der arme Madal einer etwas ungewöhnlichen Prozedur unterziehen. Dazu er selbst: "In den Dörfern um Chittagong herum existiert der Aberglaube, dass wenn man einen lebenden Fisch isst, das Schwimmen lernen recht einfach wird. Deshalb bekam ich zuerst einen kleinen Fisch, den ich herunter schlucken sollte. Ich nahm ihn in den Mund und, unter größten Anstrengungen, gelang es mir ihn herunter zu schlucken. Ich litt ziemlich, jedoch wollte ich unbedingt schwimmen lernen und gehorchte daher meiner Cousine."
So kam es also, dass Madal schon sehr früh ein wenig schwimmen konnte. Und selbst die Mutter Yogamaya konnte durch diesen selbstlosen Einsatz der Cousine etwas beruhigt werden, obwohl jedoch böse Vorahnungen in ihr zurückblieben. Und dies nicht zu Unrecht! Denn trotz der aufrichtigen Versuche der Schwimmlehrerin, das Schicksal ihre kleinen Sohnes zu verändern, würde sich die Vorhersage des Astrologen als fast unfehlbar heraus stellen. Doch noch war diese dunkle Stunde nicht gekommen. Und uns bleibt daher etwas Zeit, endlich der anfänglich gestellten Frage nachzugehen, weshalb die Hände so manches Mal eine Art Eigenleben führen. Sehr zur Sorge ihres "Eigentümers", aber vor allem seiner näheren Umgebung!
Dies sind nicht meine Hände!
Wie wohl alle Eltern wissen, sind Kinder mit zwei oder drei Jahren in ihrer, drücken wir es etwas höflich aus, "kreativen Phase". Und auch unser Madal machte da keine Ausnahme. Was seine Mutter Yogamaya jedoch so manches Mal fast an den Rand der Verzweiflung brachte. Wie zum Beispiel in jenen Momenten, in denen sie wieder einmal etwas laut krachend auf dem Boden aufschlagen hörte. Und dieses Geräusch verhieß nichts Gutes! Schnurstracks lief Yogamaya in den Nebenraum. Dort sah sie die Bescherung. Einer ihrer schönsten Töpfe lag zerstört am Boden, zersplittert in unzählige Einzelteile. Und wer stand mittendrin, laut schreiend und unverzüglich seine Unschuld beteuernd? Ihr kleiner und etwas lausbübisch dreinblickender jüngster Sohn Madal. "Hast du den Topf auf den Boden geschmissen?", frage sie vorwurfsvoll. "Nein, nicht ich, meine Hände haben es getan", kam die sofortige Antwort. "Wem gehören denn diese Hände?" Aber es war ein hoffnungsloser Fall. "Es mögen meine Hände sein, jedoch bin ich nicht derjenige, der es fallen gelassen hat. Es waren meine Hände, die es fallen ließen", hörte sie dann meist noch als Erwiderung, während sie bereits die Scherben auflas, um sich dann wieder, hoffentlich diesmal etwas ungestörter, an die Haushaltsarbeit zu machen.
Aber liebte sie ihren Jüngsten nicht gerade deshalb? Er brachte so viel Freude in ihr Leben und das der gesamten Familie. "Alle meine Söhne und Töchter sind Heilige", pflegte ihr Mann Shashi Kumar deshalb auch immer zu sagen. "Ich bin so glücklich, solch einen Sohn zu haben, der so viel Bewegung, Lebensfreude und Begeisterung in unsere Familie bringt." Und so vergab Yogamaya ihrem Madal viele seiner Streiche, immer mit dem inneren Gefühl und der Gewissheit, dass er ihrem Leben große Zufriedenheit schenkte und wohl etwas ganz Besonderes sein musste. Und war sein ursprünglicher Name, der aus seinem Geburtshoroskop hervorging, nicht auch Ganapati gewesen? Ganapati, der berühmte Elefantengott der indischen Mythologie und Sohn des mächtigen Shivas, des Verwandlers der Welt.
Ganapati oder Ganesha, wie er auch genannt wird, ist übrigens derjenige, der die Menschen zur Selbsterkenntnis und hin zu Gott führt. Zu Brahman, wie man im Hinduismus auch sagt, dem "Einen ohne ein Zweites".
