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Chinmoys Talente
Chinmoys erste Berührung mit einem der Großen des Ashrams
Obwohl Chinmoy erst 14 Jahre alt war, reifte er langsam zu einem großen Poeten heran. "Poesie", bemerkte er einmal später, "hatte in meiner Familie eine große Tradition." Denn auch sein Vater und seine Geschwister, vor allem Chinmoys ältester Bruder Hriday, hatten in ihrem Leben viele Gedichte geschrieben, die sich grundsätzlich mit den Fragen nach den letzten Dingen des Lebens auseinandersetzten. Aber auch im Ashram gab es viele Poeten. Der berühmteste und bedeutendste davon war sicherlich Dilip Kumar Roy, der zusammen mit Sri Aurobindo, der Mutter Mira Alfassa und dem Ashram-Sektretär Nolini Kanta Gupta die bekannteste Persönlichkeit der spirituellen Gemeinschaft war. Gleichzeitig war Dilip auch ein überragender Musiker und besaß eine Stimme, die von allen als "Goldene Stimme" bezeichnet wurde. So hingebungsvoll, so rein und einfühlsam war ihr Klang.
Chinmoy hatte vier oder fünf Lehrer im Ashram. Eine davon, Rani-di, war eine Cousine von Dilip Kumar Roy. Als sie entdeckte, dass ihr Schüler Chinmoy ein kleines Heft mit etwa 100 bis 200 Gedichten in seiner Muttersprache Bengali verfasst hatte, war sie sehr stolz auf ihn. Aus diesem Grund zeigte sie dieses frühe lyrische Werk eines heranwachsenden, jungen Poeten ihrem berühmten Cousin Dilip. Dilip machte sich die Mühe und las die Gedichte in aller Ruhe durch. Danach schrieb er einen zweizeiligen Kommentar darunter. Darin bermerkte Dilip, dass einige Gedichte schön, einige Gedichte gut, und einige Gedichte sogar sehr gut waren. Dazu Sri Chinmoy: "Ich werde für immer Dilip-da´s segensreiche Ermutigungen zu schätzen wissen." Die Endungen "da" und "di" beziehen sich übrigens auf Menschen, die älter sind als die betreffende Person, in diesem Fall Chinmoy selbst. Es ist daher eine Anrede, die in Indien aus Respekt vor Älteren benutzt wird.
Chinmoys erstes Gedicht
Mittlerweile hatte Chinmoy eine ganze Reihe von Gedichten verfasst. Doch besonders an sein erstes Gedicht erinnerte sich sein Bruder Chitta mit besonderer Vorliebe. Denn es war niemand anderes als er selbst, der diese ersten lyrischen Verse des zukünftigen Poeten Chinmoy zu Papier brachte. Chitta erinnert sich:
"Sein erstes Gedicht werde ich niemals vergessen. Eines Abends, während wir gerade eine Straße nahe der Bucht von Bengalen entlang gingen, stieg eine poetische Zeile in ihm auf. Er wollte sie nicht selbst niederschreiben. Daher fragte er mich und ich schrieb sie nieder. Ich lehrte ihn die Grundzüge der bengalischen Versmaße und wie man Gedichte schreibt."
Dieses erste Gedicht war eine schöne Beschreibung der aufgehenden Sonne. Vielleicht sinnbildlich für die innere poetische und spirituelle Sonne, die im Beginn war in Chinmoy vollständig zu erwachen. Es lautete:
"Wenn die Sonne im Osten erscheint, schließe ich Freundschaft mit meiner Poesie.
Ich erblicke eine goldne Scheibe über dem blauen Meer, ein roter Hibiskus lächelt mich an.
Gibt es irgend jemanden auf der Erde, o Sonne, der sich nicht nach deinem Lächeln sehnt?
Nein, es gibt niemanden, jeder wünscht sich dein Lächeln.
Auch ich wünsche mir dein Lächeln und zusätzlich noch etwas anderes:
Ich möchte mich vor dir verbeugen, mit der Ehrerbietung meines Herzens."
Chinmoys lyrisches Talent entwickelte sich mehr und mehr. Zu Ehren Sri Aurobindos Geburtstag schrieb er deshalb am 14. August 1945, dem Vortag von Sri Aurobindos Geburtstag, ein sehr langes Gedicht, welches dessen Leben zum Inhalt hatte. Viele Jahre später, am 8. Juli 1995, vertonte es Sri Chinmoy zu einem Lied. Es begann mit den Worten:
"Gott in menschlicher Gestalt steigt heute vom Himmel herab, um den Atem des Erdenstaubes zu berühren und zu fühlen. Kameraden, lasst uns Seinen Sieg verkünden, all unsere Welt-Verantwortungs-Verpflichtungen von uns weisend."
Das vorbildliche Beispiel wahrer Vergebung
Sri Aurobindo war ein wirklicher Literat. Seine bedeutenden spirituellen Werke füllten viele Bände mit Hunderten von Seiten. Berühmte Titel davon waren unter anderem "Das Göttliche Leben" und "Die Synthese des Yoga". Darüber hinaus schrieb er auch Gedichte und Theaterstücke. Eines dieses Theaterstücke trug den Titel "Die ideale Vergebung" und handelte von dem Zwist zweier großer Yogis der indisch-mythologischen Vergangenheit mit den Namen Vasishtha und Vishmamitra. In dieser Geschichte schrieb Sri Aurobindo über das Ideal einer menschlich-göttlichen Vergebung.
Chinmoy war von der Handlung dieses Werkes sehr bewegt. Aus diesem Grund fühlte er sich 1946 dazu inspiriert, diese Geschichte als Basis eines bengalischen Gedichtes zu verwenden mit beeindruckender, 200-zeiliger Länge. Dazu er selbst: "Mein Gedicht war etwa 200 Zeilen lang. Etwas schüchtern aber voller Hingabe ließ ich es der Mutter geben. Aus ihrem grenzenlosen Mitgefühl für mich heraus, gab es die Mutter Sri Aurobindo. Einige Tage später, um 4:30 Uhr am Nachmittag, ich war gerade auf dem Weg zum Volleyball, stoppte mich einer der engsten Gehilfen Sri Aurobindos, Mulshankar, und sagte: "Chinmoy, Nirod ließt gerade Sri Aurobindo dein langes Gedicht vor und Sri Aurobindo lächelt." Als ich dies hörte, war ich im siebten Himmel. Ein paar Stunden später ließ Nirod mich rufen und gab mir das Gedicht zurück. Er sagte mir, dass Sri Aurobindo angemerkt habe: "Es ist ein bemerkenswertes Gedicht. Er hat Talent. Sag ihm, er soll weitermachen."
Noch einmal Dilip
Dilip Kumar Roy übte, direkt und indirekt, einen großen Einfluss auf den jungen Chinmoy aus. In vieler Hinsicht war er sein großes Vorbild. Nicht zuletzt natürlich auch wegen seines ungeheuren poetischen und musikalischen Talentes. "Seine Stimme", bemerkte Sri Chinmoy einmal, "kannte nichts Vergleichbares." Schon alleine deshalb sowie dem Umstand begründet, dass sich Dilip so viel Mühe beim Durcharbeiten von Chinmoys ersten poetischen Zeilen gegeben hatte, widmete ihm letzterer einen großen, etwa 25 Seiten langen Artikel. Er trug den Titel "Unser älterer Bruder Dilip". Grundlage dafür waren die Hauptwerke Dilip Kumar Roys, der auch ein bedeutender Literat war. Diese Schriften hatte Chinmoy deshalb gewissenhaft durchgearbeitet. Über einen Lehrer ließ er seinen Essay dem großen Vorbild zukommen. Dieser war über die akribische Arbeit des erst 14-jährigen Chinmoy mehr als erstaunt und bemerkte beeindruckt: "Ich wusste nicht, dass Chinmoy so viel Liebe für mich empfindet."
Und sogar in der Welt der Musik unterstützte Dilip Kumar Roy den jungen Chinmoy, wenn auch indirekt. Dazu Sri Chinmoy: "Mein erster Bengali-Lehrer hieß Manodhar. Er war gleichzeitig der Englisch-Lehrer meines ältesten Bruders. Er wohnte, wo auch ich wohnte, und sein Zimmer lag meinem direkt gegenüber. Von Zeit zu Zeit erlaubte es ihm Dilip, dessen Harmonium zu benutzen - jedoch nur zum Üben. Denn es handelte sich dabei eigentlich nicht um eine Leihgabe, weil Dilip-da in Wirklichkeit beabsichtigte, dass sein Harmonium dadurch in gutem Zustand bleiben sollte. Manodhar war der erste, der mich Harmonium spielen lehrte - auf Dilip-da´s Harmonium! An das allererste Lied, welches ich auf diesem Harmonium singen und spielen lernte, erinnere ich mich noch heute. Es handelte sich dabei um Tagores berühmtes Lied "Parabasi Eso... ". Ich spielte auf Dilip-da´s Harmonium von 1944 bis 1946."
Gebieter meines Herzens: Eine tiefe spirituelle Erfahrung
Chinmoy meditierte von Tag zu Tag länger. Bis zu vierzehn Stunden verbrachte er täglich in tiefer Versenkung. Seit er den nächtlichen göttlichen Befehl erhalten hatte, galt dem inneren Leben seine größte Aufmerksamkeit. Dabei machte er einige sehr hohe und mystische Erfahrungen, wie zum Beispiel die folgende:
"Wer oder was bin ich? Weshalb kam ich in diese vergängliche Welt? Und was ist das Ziel meines Lebens? Einige Antworten auf diese Fragen wurden in meinem Verstand aufgewühlt. Jedoch war mein Verstand nicht im geringsten damit zufrieden. Plötzlich, in des Frühlings Vollmondnacht, stand ein Junge vor mir. Sein Gesicht war unglaublich schön. Und es schien mir, dass seine blinzelnden Augen mit den Wellen des Lichts spielten. Er musste wohl in seinen frühen Jugendjahren sein, etwa vierzehn oder fünfzehn. Ich fragte ihn sehr sanft: "Woher bist du gekommen? Und was möchtest du?"
Er antwortete: "Von deinem eigenen Herzen bin Ich gekommen, dir deinen Wunsch zu gewähren. Kannst du Mich nicht erkennen?" Bald darauf erkannte ich, dass es niemand anderes als mein Gebieter war. Ich verbeugte mich zu Seinen Lotus-Füßen und betete zu Ihm, er solle mich von nun an nie mehr alleine lassen.
Mein Gebieter sagte: "Ich werde dich niemals mehr verlassen. Vergesse nicht, dass nur jener Mir etwas bedeutet, der Mich von ganzem Herzen liebt, ohne Wünsche ist, und auf ewig mit Mir spielen möchte. Er ist Meine wahre Seele. Ach, nur wenige Kameraden habe Ich in dieser Welt."
Mystische Begegnung
Saraswati ist in der indischen Mythologie die Göttin der Kunst, der Musik und der Weisheit. Sie spielt auf der Laute, und während sie spielt erleuchtet sie das strebende Bewusstsein der Menschheit. Saraswati ist die göttliche Artistin und wenn ihre Gnade durch ein Individuum fließt, und dieses Individuum für ihre herabströmende Gnade empfänglich ist, wird es selbst zum erhabenen Künstler.
So verhielt es sich mit dem jungen Chinmoy. Dazu Sri Chinmoy selbst: "Als ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war, erschien mir eines Tages Saraswati und spielte äußerst seelenvoll auf ihrer Laute. Danach brach sie ihre Laute in Stücke und gab die Einzelteile mir. Sie sagte, sie habe all ihre Weisheit und all ihre musikalischen Fähigkeiten und sonstigen Fähigkeiten genommen und sie in mich hinein geworfen. Jedoch nur so viel, wie ich fähig war zu empfangen. "Daher", so Sri Chinmoy mit einem Augenzwinkern, "empfing ich von ihrer Weisheit vielleicht nur recht wenig."
Chinmoy, der leidenschaftliche Schriftsteller par excellence
Im März 1948 erschien Chinmoys Gedicht "Das Ideal der Vergebung" in einem indischen Magazin mit dem Titel "Partha Sarathi". Der Redakteur ließ es sich nicht nehmen, einige bewundernde Worte hinzuzufügen. Und schließlich sollte man nicht vergessen, dass Chinmoy zum Zeitpunkt der Fertigstellung erst zarte 14 Jahre alt war! Dazu sein Bruder Chitta: "In solch zartem Alter zeigte er bereits ein dermaßen großes Talent. Kein Wunder, dass aus ihm ein gefeierter Dichter wurde! Wir bemerkten in Chinmoys Werk den Einfluss von Tagore, Vivekananda und Sri Aurobindo. Als Chinmoy in seinen Jugendjahren war, sahen wir in ihm Tagore, das vielfältige Genie, Vivekananda, den unbezwingbaren Held und Sri Aurobindo, den Begründer des Integralen Yogas." Jedoch, es gibt eine Eigenschaft, die an Chinmoy immer am meisten faszinierte. Dazu noch einmal sein Bruder Chitta. "Unter Chinmoys göttlichen Qualitäten gibt es eine Eigenschaft, die uns, und vielleicht die ganze Welt, am meisten erfreut, und diese ist seine kindliche Qualität eines Quellen-Herzens." Eines Herzens, welches sich spielerisch vollkommen mit der Umwelt und seinen Mitmenschen identifizierte und daher für alle, im wahrsten Sinne des Wortes, eine stetige Quelle der Inspiration und Freude war.
Und hatte nicht sogar schon Chinmoys Großmutter vor vielen Jahren prophezeit, dass ihr Enkel einmal ein bedeutender Schriftsteller werden würde? Denn nicht allein war sein Geburtsname laut Horoskop Ganapati, der Elefantengott, sondern sogar sein Körper sah diesem großen Kosmischen Gott durchaus ähnlich. Und zwar deshalb, weil Chinmoys Kopf und Rumpf zum Zeitpunkt der Geburt vergleichsweise stärker ausgeprägt waren, als die übrigen Teile seiner noch kleinen Gestalt. Aus diesem Grund sah die Großmutter voraus, dass Chinmoy einmal selbst, ähnlich Ganapati, der das große indische Epos der Mahabharata niedergeschrieben hatte und als Gewährer der inneren Verwirklichung gilt, ein großer Schreiber und Yogi werden würde. Und dies war bereits vor langer, langer Zeit gewesen. Aber tatsächlich, schon in jüngerer Kindheit entwickelte Chinmoy einen großen Hang zum Schreiben. Und dieses Interesse und diese Fähigkeit erreichte nun im Ashram, mit Hilfe seiner Freunde und Lehrer, einen ersten Höhepunkt.
Chinmoy beendet seine schulische Karriere frühzeitig
Schon in früher Kindheit empfand Chinmoy wenig Begeisterung für schulische Disziplin. Wohl nicht zuletzt deshalb, beendete er seine schulische Laufbahn bereits recht zeitig. Dazu sein Bruder Chitta, mit dem Chinmoy sein Zimmer im Ashram teilte: "Chinmoy führte seine schulische Karriere nicht weiter. Dies war eine traurige Erfahrung für die ganze Familie. Als er abbrach, betrübte dies seine älteste Schwester sehr. Sie vergoss viele Tränen, weil sie befürchtete, ihr jüngster Bruder würde ungebildet bleiben. Sie litt stark daran. Jedoch lernte Chinmoy in der Bibliothek in stundenlanger Eigenregie weiter. Und er hatte viele Helfer wie Prabhakar, seinen Bengali-Lehrer, K.D. Sethna und schließlich unseren Ashram-Sekretär Nolini-da, um seine englisch-literarischen Fähigkeiten zu festigen.
