Chinmoy blättert im Buch des Lebens

Chinmoy hatte von Sri Aurobindo ein Buch mit dem Titel "Geschichten aus der Gefangenschaft" erhalten, in das sein Name "Chinmoy" vom Meister der Meditation handschriftlich geschrieben worden war. Es erübrigt sich zu sagen, dass ihn dieses unerwartete Geschenk sehr stolz und glücklich machte. Jetzt konnte Chinmoy sich doppelt bestärkt auf die innere Suche machen, die ihn in die Weiten seiner eigenen Existenz führen sollte.
Denn so wie natürlich jeder Mensch hatte auch Chinmoy eine Vergangenheit. Im spirituellen Leben spricht man in diesem Zusammenhang von verschiedenen Inkarnationen oder Verkörperungen. Damit werden vergangene Leben bezeichnet, die den Einzelnen prägten und formten - aus ihm jenes gemacht haben, was er heute ist.
In solch einer zurückliegenden Inkarnation hatte Chinmoy sich selbst erkannt. Im Yoga sagt man Selbst- oder Gottverwirklichung dazu.

Jetzt war die Zeit gekommen. Durch das disziplinierte Leben im Ashram, die regelmäßige Meditation und die sonstigen inneren Übungen, kam diese Vergangenheit wieder zum Vorschein. Chinmoy entdeckte nun wer er wirklich war. Er blätterte im Buch seines Lebens und erkannte, dass seine Seele einen hohen Reifegrad erreicht hatte. Chinmoy hatte in einer vergangenen Inkarnation Gott verwirklicht und gewann nun dieses Wissen, Schritt für Schritt, wieder zurück. Und doch, es würde Jahre dauern, das innere Buch vollständig durchgeblättert zu haben. Ganz davon abgesehen, neue Seiten hinzuzufügen. Dazu würde es eiserne Disziplin verlangen sowie vor allem die Hilfe des Göttlichen. Doch diese göttliche Unterstützung regnete auf Chinmoy herab wie ein Wolkenbruch in der indischen Zeit des Monsuns. Und alles begann mit einer Stimme in der Nacht.

Die Stimme in der Nacht

Nachts war Chinmoy normalerweise völlig erschöpft vom täglichen Sport und sank daher müde in sein Bett. Es reichte gerade noch dazu, das in diesen südlichen Gefilden so wichtige Moskitonetz über sich auszubreiten. Lange war er noch nicht im Ashram, hatte sich jedoch bereits bestens eingelebt. Erleichtert wurde ihm all dies durch seinen geliebten Bruder Chitta, der das Zimmer mit ihm teilte und ihn, so gut er nur irgendwie konnte, unterstützte.

Alles war still. Der Schlaf regierte das mittnächtliche Pondicherry, wie auch das gesamte Leben des Ashrams. Doch plötzlich fühlte Chinmoy, wie ihn jemand zwickte. Er wachte auf. Hatte er nur geträumt? Wer konnte dies zur nächtlichen Stunde sein? Chinmoys Bruder Chitta zumindest schlief tief und fest. "Steh auf und meditiere, Chinmoy", hörte er auf einmal eine Stimme sagen. Und tatsächlich, die Person war niemand Geringeres als Sri Aurobindo, der in seiner subtilen Form gekommen war. Chinmoy schaute auf die Uhr, die an der Zimmerwand hing. Es war genau sieben Minuten nach zwei. Er war noch ausgesprochen müde, gehorchte jedoch seinem Meister und setzte sich im Bett auf. Danach meditierte er für eine lange Zeit. Innerlich spürte Chinmoy, wie Sri Aurobindo ihn instruierte.

In der kommenden Nacht wiederholte sich das Ganze. Wieder kam Sri Aurobindo in seiner subtilen Form. Und wieder war es genau sieben Minuten nach zwei Uhr am Morgen. Doch dieses Mal zögerte Chinmoy keinen Augenblick und fing sofort an zu meditieren. Und auch die folgenden zwei Nächte kam Sri Aurobindo zur gleichen Uhrzeit, um Chinmoy vom Schlaf zu erwecken und ihn zur Meditation anzuregen. Jedoch nach dem vierten Tag war dies nicht mehr notwendig. Denn Chinmoy gab seine Meditation jetzt eine derartig große Erfüllung und Freude, dass er jede Nacht von alleine um sieben Minuten nach zwei aufwachte und mit seiner inneren Disziplin begann. Einer stundenlangen Disziplin, die er von nun an täglich ausführte. Und dies für viele, viele Jahre.

Chinmoy ist mein Sohn

Chinmoy war erst zwölf Jahre alt, jedoch bereits Vollwaise. Außerdem war er sehr zurückhaltend oder man könnte sogar sagen schüchtern. Aber vielleicht gerade deshalb schlossen ihn viele Ashramities sehr schnell ins Herz. Vor allem ältere Frauen, die einen ausgeprägten Mutterinstinkt ihr Eigen nannten. Eine davon war Mridu-di. Mridu-di war bereits recht reif an Jahren und ohne unhöflich sein zu wollen, konnte man sie als etwas rundlicher bezeichnen. Aber schließlich war sie ja auch eine ausgezeichnete Köchin, deren Essen selbst von Sri Aurobindo sehr geschätzt wurde. Einmal wöchentlich, an Samstagen, kochte sie für die Kinder im Ashram, wozu natürlich auch Chinmoy gehörte. Sie hatte die Angewohnheit, diesem generell doppelt so viel auf den Teller zu legen, als den anderen Kindern. Darauf angesprochen sagte Mridu-di immer nur: "Er ist mein Sohn."

Die Prozedur mit dem heiligen indischen Basilikum

Chinmoy hatte mittlerweile seinen 13. Geburtstag gefeiert und war nun kein Kind mehr. Trotzdem wurde er von seiner "Ashram-Mutter" Mridu-di beobachtet wie ihr eigener Augapfel. So machte sie sich täglich, etwa gegen elf Uhr vormittags, auf die Suche nach ihrem Schützling, um ihm ein Blatt des heiligen indischen Basilikums in den Mund zu legen. Dazu muss man wissen, dass dem heiligen indischen Basilikum in der indischen Mythologie eine große Bedeutung zukommt. Der Legende nach, soll er die Hingabe an das Göttliche verstärken. Darüber hinaus gilt er als eines der ganz großen Heilmittel im indischen Ayurveda, der Lehre vom Leben. Doch manchmal nahm diese tägliche Prozedur schon lustige oder sogar skurrile Züge an, wenn nämlich Chinmoy in Eile war, und er war meistens in Eile, und Mridu-di in vollster Lautstärke hinter ihm her rief. Doch es gab kein Entrinnen. Mridu-di kam schnell näher und steckte Chinmoy das Basilikumblatt in den Mund, in der Hoffnung, dass sich seine Hingabe an Sri Aurobindo und die Mutter Mira Alfassa vergrößern würde. "Wenn ich also auch nur über einen Hauch von Hingabe verfüge", so Sri Chinmoy Jahre später, "dann verdanke ich dies Mridu-di."

Eine Erfahrung von Licht und Wonne

Der Ashram in Pondicherry lag nur einen Steinwurf vom indischen Ozean, der Bucht von Bengalen entfernt. Jenem gewaltigen Meer, dass sich über Tausende von Kilometern erstreckt. Chinmoy setzte sehr gerne an dessen Ufer, um zu meditieren. Er liebte die Einsamkeit und die große unermessliche Weite des blauen Meeres. Obwohl erst 13 Jahre alt, war er dennoch bereits ein vollkommener Meister der inneren Welten. Er hatte in diesem zarten Alter seine innere Verwirklichung zurück erlangt und konnte daher völlig mit den gewaltigen Wassern des Ozeans verschmelzen. So auch eines Tages... .

"Wann immer ich die Gelegenheit dazu hatte, flüchtete ich mich an das Ufer des ewig blauen Meeres und nahm dort in der Einsamkeit meinen Sitz ein. Mein Bewusstseins-Vogel erhob sich langsam steigend zum Himmel und verlor sich dort oben. Bei einer solchen Gelegenheit - es war eine Vollmondnacht - fand ich nur ein Meer von süßem und erhabenem Licht, als ich in den blau-weißen Horizont schaute. Alles war in einen unendlichen Ozean von Licht eingetaucht, das liebevoll auf den süßen Wellen spielte. Mein endliches Bewusstsein war voller Durst nach dem Unendlichen und Unsterblichen. Ich trank tief von dem Ambrosia und trieb auf einem erleuchteten Ozean. Es schien, als ob ich nicht länger auf dieser Erde existierte.
Ganz plötzlich - ich weiß nicht warum und wie - beendete etwas meinen süßen Traum. Der Luft entströmte nicht weiter ihre honigartige unsterbliche Seligkeit, denn meine eigenen Gedanken kamen zum Vorschein: "Nutzlos, alles ist nutzlos. Es besteht keine Hoffnung, hier auf Erden eine göttliche Welt zu schaffen. Das ist bloß ein kindischer Traum." Ich fühlte auch, dass ich nicht einmal mein eigenes Leben fortsetzen könnte. Es schien nichts als eine dornige Wüste zu sein, übersät von endlosen Schwierigkeiten. Warum soll ich hier auf Erden diese unerträglichen Schmerzen und Leiden ertragen? Ich bin der Sohn des Unendlichen. Ich muss Freiheit haben, ich muss die Ekstase des Paradieses haben. Diese Ekstase wohnt in mir. Warum sollte ich dann diese sterbliche Welt nicht verlassen, um in mein ewiges Zuhause im Himmel zurück zu kehren?

Ein plötzlicher Lichtblitz erschien über meinem Kopf. Als ich voller Ehrfurcht und Erstaunen aufschaute, fand ich meinen Geliebten, den König des Universums, wie Er mich anschaute. Sein strahlendes Gesicht war voller Sorge. "Vater", fragte ich ihn, "was macht Dein Gesicht so traurig?"
"Wie kann ich glücklich sein, mein Sohn, wenn du nicht Mein Gefährte sein und Mir in Meiner Mission helfen willst? Ich habe in der Welt Millionen von Plänen verborgen, die Ich in die Wirklichkeit geben möchte. Doch wie kann Ich Meine Göttliche Manifestation hier auf der Erde vollbringen, wenn Mir Meine Kinder in Meinem Spiel nicht helfen?"
Tief berührt verbeugte ich mich und sprach: "Vater, ich werde Dein treuer Gefährte sein, liebend und aufrichtig, in alle Ewigkeit. Forme mich und mache mich meiner Rolle in Deinem Kosmischen Spiel und in Deiner Göttlichen Manifestation würdig!"