Ashramleben

Das jährliche Sportfest des Sri Aurobindo Ashrams

Chinmoy war bereits zu einer festen Größe im Sportleben des Ashrams heran gereift. Denn er war nicht nur ein überragender Sprinter, sondern vollbrachte auch in anderen leichtathletischen Disziplinen teilweise überragende Leistungen. Dazu zählten unter anderem die Sprungwettbewerbe und das Speerwerfen. Jedoch war der 100-Meter-Sprint seine absolute Paradedisziplin.

Was Chinmoy besonders auszeichnete, war das Nichtvorhandensein jeglicher Nervosität. Sein Bruder Mantu hingegen, der auch gleichzeitig sein größter Fan und Unterstützer war, glich jedes Mal einem Nervenbündel. Ihm war die Anspannung förmlich ins Gesicht geschrieben, wenn sein geliebter Bruder einmal wieder aktiv ins leichtathletische Geschehen eingriff. Und er geriet immer wieder in Verzückung, wenn Chinmoy einen vorderen Platz belegte oder den jeweiligen Wettbewerb sogar zu seinen Gunsten entscheiden konnte.

Darüber hinaus wurde Chinmoy mit der Zeit auch zum Kapitän der Fußballmannschaft des Ashrams ernannt, sowie zum Cheftrainer sowohl des Damen- wie auch der Herrenvolleyballteams. In einem Fußballspiel erlitt Chinmoy einmal etwas unglücklich einen Bruch des großen Zehen, wobei es sich wahrscheinlich um einen Ermüdungsbruch handelte. Daraufhin stellte die Mutter Mira Alfassa sicher, dass seine Essensration von nun an mindestens sechs große Bananen, fünf große Gläser Milch und eine Orange täglich beinhaltete. Denn da Chinmoy, wie alle Mitglieder des Ashrams, Vegetarier war, sollte ihrer Meinung nach sicher gestellt werden, dass gerade er als Sportler ausreichend Vitamine und Kalzium zu sich nahm.

Chinmoy wird zum Meister der englischen Dichtkunst

Chinmoy war gerade einmal 22 Jahre alt, doch bereits ein äußerst bemerkenswerter bengalischer Dichter. Dies war auch anderen Ashram-Lyrikern nicht verborgen geblieben. Romen Palit war einer davon. Er war ein angesehener Mann im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry und sowohl Literat als auch Musiklehrer. Eines Tages begegnete er Chinmoy, von dessen herausragendem lyrischen Talent er schon des öfteren gehört hatte. Romen Palit bat ihn daher inständig, zu ihm nach Hause zu kommen, damit er ihm die Grundlagen der englischen Dichtkunst - des Versmaßes, des Reimes und vieles mehr - in aller Ruhe beibringen konnte. Darüber hinaus hegte er insgeheim die Hoffnung, dass aus seinem neuen, äußerst begabten Schüler, einmal ein bedeutender englischer Lyriker werden würde.
So kam es also, dass Chinmoy regelmäßig von Romen Palit in dessen Haus unterrichtet wurde und dort die Grundzüge der englischen Lyrik erlernte. Schon bald war er dazu in der Lage, seine ersten eigenständigen lyrischen Kreationen zu verfassen. Und bereits das erste Gedicht in englischer Sprache mit dem Titel "Die Goldene Flöte" war äußerst bemerkenswert.

Die Goldene Flöte

"Ein Meer der Freude, des Friedens und Lichts jenseits meiner Reichweite kenne ich.
In mir die weinende, sturmgepeitschte Nacht findet Raum zum Erzürnen und Toben.

Ich schreie laut, jedoch vergebens; ich bin hilflos, die Erde ohne Mitgefühl!
Welch mächtige Seele könnte meine Schmerzen teilen? Alleine den Todespfeil entdecke ich.

Ich bin ein Floß auf dem Meer der Zeit; meine Ruder sind hinweg gespült.
Wie könnte ich jene Höhen zu erreichen hoffen, von Gottes ewigem Tag?

Jedoch halt! Ich höre Deine Goldene Flöte; ihre Noten bringen das Letztendliche herab.
Nun bin ich gerettet, o Höchster! Verschwunden ist der Tod, das harte Raunen der Nacht!"

Dieses Gedicht, sein erstes Gedicht in englischer Sprache, sandte Chinmoy an eine indische Zeitschrift mit dem Namen "Mutter Indien". Der Herausgeber war sehr davon beeindruckt und schickte Chinmoy 25 Rupien als Anerkennung und für die Gelegenheit dieses Gedicht in seiner Zeitung veröffentlichen zu können. Chinmoy leitete das erhaltene Geld unverzüglich an die Mutter des Ashrams Mira Alfassa weiter.

Und auch seine folgenden Gedichte sandte der junge Lyriker an das gleiche Magazin. Nachdem der Herausgeber das dritte Gedicht Chinmoys erhalten hatte, stattete er dem Ashram zufällig einen Besuch ab. Dabei lernte er den jungen Poeten persönlich kennen. Vor lauter Begeisterung ließ er dabei seinen Gehstock fallen und umarmte Chinmoy. Er fragte ihn wiederholt: "Hast du es geschrieben? Hast du es geschrieben?" Der Verleger konnte es kaum glauben, dass dieses Gedicht mit dem Titel "Das Absolute", erst die dritte poetisch-englische Schöpfung eines Lyrikers sein konnte. Das Gedicht lautete:

Das Absolute

"Mein Dasein trübt nicht Form, nur noch Verstehen, da Wille und Gedanken ganz erloschen sind;
Am Ziel der Tanz, der Tanz der Allnatur, am Ziel der Suche ich mich find.

Von höchster Seligkeit durchtränkt erstreckt es sich – von niemandem gewusst;
Hier sammle Ruh ich, lang ersehnt, und bin des Einen Antlitz mir bewusst.

Durchschritten sind die Pfade stillen Lebens, das Ziel nun selbst ist mein Gewinn;
Gewonnen auch unwandelbare Wahrheit, ich bin der Weg, Gottseele, Sinn.

Mein Geist erschwang die Höhen aller Höhen, der Sonne Herzen ist mein stummer Hort;
Bewegt durch nichts in Zeit und Ort – mein kosmisch Spiel vollendet ist gesehen."

Chinmoys erstes Buch

Von seiner Kindheit an, hatte Chinmoy die starke Bestrebung Bücher zu schreiben und zu drucken. "Ich bin Gott so dankbar, dass er diesen Wunsch meines jüngsten Bruders erfüllt hat", schreibt Chitta in seinen Tagebüchern. 1955 erschien das erste Buch mit dem Namen "Flammen-Wellen". Die Mutter des Sri Aurobindo Ashrams Mira Alfassa war sehr davon beeindruckt. Das zweite Buch trug den Namen "Das Unendliche: Sri Aurobindo". Das dritte hieß "Die Mutter der Goldenen Vollkommenheit" und das vierte "Glänzendes Leuchten".

Nach dem Lesen des dritten Buches sagte Mira Alfassa zu Chinmoy: "Du hast mein tägliches Programm in Versform gebracht. Es ist ausgezeichnet."
Chinmoy schrieb auch weiterhin Gedichte und fing mit der Zeit an auch Theaterstücke zu verfassen. Sein erstes Stück, welches er 1958 begann, trug den Namen "Die Herabkunft des Unendlichen" und beschrieb das Leben Sri Aurobindos von seiner Geburt bis zum Verlassen des Körpers. Es erschien in regelmäßigen Abständen im Magazin "Mutter Indien", in dem auch schon Chinmoys erste englische Gedichte zu lesen waren. Auch davon war die Mutter Mira Alfassa sehr angetan.

Verschiedene Arbeiten im Ashram

Der Sri Aurobindo Ashram besteht aus verschiedenen Abteilungen und ist weitgehend von der Außenwelt unabhängig. Es gibt technische, kaufmännische und andere Zweige, die alle von Mitgliedern des Ashrams geführt werden. Innerhalb dieser Abteilungen besaß Chinmoy die Freiheit des öfteren hin und her zu wechseln und kam daher mit einer Vielzahl von Berufen in Berührung. Unter anderem war er Elektriker, Buchbinder, arbeitete in der Papierherstellung und fertigte Bleistifte. Was er jedoch am liebsten tat, war das Abspülen in der großen Ashram-Essenshalle. Hier saß er vor einem großen Becken mit Seifenwasser und legte unverzüglich Hand an, wenn jemand sein gebrauchtes Geschirr zur Reinigung vorsichtig ins Becken gleiten ließ. Nun ja, nicht immer ganz vorsichtig, denn einige Freunde Chinmoys machten sich immer einen Spaß daraus, dafür zu sorgen, dass ihr Kamerad nicht ohne ein paar Wasserspritzer davon kam. Trotzdem liebte Chinmoy diese Arbeit. Er sagte deshalb auch des öfteren: "Dies ist die goldene Gelegenheit für mich, nicht von meinem Verstand belästigt zu werden."

Jedoch waren nicht alle Ashram-Mitglieder derselben Meinung. Vor allem dem Ashram-Sekretär Nolini Kanta Gupta gefiel es wenig, dass dieser, wie er fand, aufstrebende junge Mann, solch einer einfachen Tätigkeit nachgehen musste. Nolini hatte Chinmoy ein paar Mal dabei beobachtet und befand, dass er über große ungenutzte Talente verfügte. Aus diesem Grund wurde er bei seinem großen Verehrer Rajen-da vorstellig, der die Ashram-Bibliothek leitete. Noch am gleichen Tag bat Rajen-da den jungen Chinmoy ihn in der Bibliothek als Bibliothekar zu unterstützen. Dies geschah Ende 1956.